Neue Entdeckungen jenseits der Neptun- und Plutobahn

© , September 1994

Dieser Artikel erschien in Meridian 6/94, im Mountain Astrologer 1/96 und in Linguaggio Astrale Nr. 107 im Jahre 1997

(Die zum Artikel gehörenden Tabellen mit den Entdeckungsdaten der TNOs wurden aktualisiert. Siehe vorherige Seite, Rubrik: Neue Planeten)

 

Vom Rande des Sonnensystems gibt es schon wieder Neuigkeiten: Seit der spektakulären Entdeckung eines transplutonischen Mini-Planeten mit der provisorischen Bezeichnung "1992 QB1" am 30.8.1992 (Entdeckungshoroskop von 1992 QB1) wurden bis heute sieben Transneptunier und fünf weitere Transplutonier aufgespürt (Stand: September 1994). Ihre Entdeckung scheint eine Theorie des niederländisch-amerikanischen Astronomen Gerard Kuiper (7.12.1905-23.12.1973) zu bestätigen. Er vermutete, daß hinter Neptun ein Ring von kometenähnlichem Material existieren könnte, welches bei der Entstehung der Planeten vor über vier Milliarden Jahren übrig geblieben ist. Die Existenz eines solchen Kuiper-Gürtels würde den teilweise unbekannten Ursprung vieler Kometen erklären: Durch Kollisionen und Bahnstörungen innerhalb des Gürtels würden immer wieder einzelne Bruchstücke als Kometen auf sehr exzenteischen Bahnen in das Innere des Sonnensystems gelangen.

Ersten Spektralanalysen zufolge scheinen die Transneptunier und Transplutonier zwar keine Kometen zu sein, sie könnten aber trotzdem Mitglieder des Kuiper-Gürtels sein. Bei einem Vergleich ihrer Spektren mit anderen Kleinplaneten, Monden und Asteroidenfamilien im Sonnensystem konnte man keine Übereinstimmungen finden. Die neuen Planeten bilden also offensichtlich eine eigene neue Gruppe von Kleinplaneten, die für die Astronomen von großem Interesse ist. Die Wissenschaftler erhoffen sich aus ihrer Erforschung u.a. wichtige Erkenntnisse über die Beschaffenheit des Kuiper-Gürtels und über die Dynamik des äußeren Sonnensystems. Wahrscheinlich ist, daß jenseits von Neptun und Pluto noch wesentlich mehr Kleinplaneten (vielleicht Tausende) mit einem Durchmesser bis maximal 1000 km existieren. Die Entdeckung der neuen Kleinplaneten ist in ihrer Tragweite für die Astronomie schon jetzt vergleichbar mit der Entdeckung von Ceres und dem Asteroidengürtel am Anfang des letzten Jahrhunderts.

Über die physikalischen Zusammensetzungen der Transneptunier und Transplutonier weiß man bis jetzt noch sehr wenig. Bei Entfernungen zwischen ca. 4,5 bis 7 Milliarden Kilometer (ca. 30 - 47 astronomische Einheiten) und einer sehr geringen Lichtreflektion (Albedo) sind sie selbst mit neuesten elektronischen Aufnahmetechniken nur äußerst schwer zu beobachten. Amerikanische Astronomen haben für "1992 QB1" und "1993 FW" den Grund für die sehr schwache Rückstrahlung im sichtbaren Bereich gefunden: sie beobachteten eine stärkere Reflexion im Infrarotbereich. Das ist ein Hinweis auf dunkle organische Kohlenstoffverbindungen. Aus der gemessenen "Helligkeit" werden Durchmesser von "1992 QB1" und "1993 FW" auf ca. 200 - 250 km geschätzt, was in etwa ein Zehntel des Durchmessers von Pluto wäre. Die anderen Planeten könnten in etwa denselben Durchmesser besitzen. In der Größe vergleichbare Objekte im Sonnensystem sind beispielsweise die Kentauren Chiron und Pholus, sowie z. B. auch der Asteroid Juno. Sie haben allerdings völlig andere Bahnen als die Transneptunier und Transplutonier und sind auch in ihren Zusammensetzungen anders.

Soweit es mit den wenigen Beobachtungswerten bis jetzt festgestellt werden kann, scheinen die Bahnen der Transplutonier im Gegensatz zu Chiron und Pholus fast annähernd kreisförmig und stabil zu sein. Die Transneptunier haben mehr ellipsenförmige, exzentrische Bahnen. Neben den unterschiedlichen Bahnformen gibt es außerdem auch Unterschiede in den Bahnneigungen: Die kleinsten Inklinationen von weniger als 1° findet man bei den beiden Transplutoniern "1994 EV3" und "1994 ES2". Sie bewegen sich direkt innerhalb der Ekliptik. Die beiden Transneptunier "1994 JS" und "1994 JV" haben dagegen die größten Bahnneigungen von ca. 18°.

Eine besondere Untergruppe bilden die vier Transneptunier "1993 RP", "1993 RO", "1993 SB" und "1993 SC". Man nimmt an, daß ihre Umlaufbahnen wie die des Pluto in einer stabilisierenden 2:3 Resonanz mit Neptun stehen. Dieser Resonanzeffekt könnte ihre Bahnen über stabil halten.

Um noch mehr über den Verlauf der Bahnen und die physikalischen Eigenschaften herauszufinden, müssen die neuen Planeten noch über viel längere Zeiträume beobachtet werden. Nur für "1992 QB1", "1993 FW", "1993 RO" und "1993 SC" (in den Tabellen fettgedruckt) gibt es zur Zeit schon etwas mehr Beobachtungswerte. Für sie können per numerische Integration Ephemeriden für das 19. und 20. Jahrhundert mit einer Genauigkeit, die im Bogenminutenbereich liegt, erstellt werden. Natürlich immer vorausgesetzt, daß die den Berechnungen zugrundeliegenden Bahntheorien nicht durch neue Beobachtungen erheblich korrigiert werden müssen. Die Positionen von allen anderen Transneptuniern und Transplutoniern können zur Zeit nur provisorisch für einige Jahre oder sogar nur Monate voraus- und zurückberechnet werden.

Ich möchte nun in drei tabellen die vorläufigen Bezeichnungen, Entdecker, Perioden, Positionen (eigene Berechnungen in Tabelle 1 und 2) und Entdeckungsdaten (Tabelle 3) aller bis jetzt bekannten Transneptunier und Transplutonier in Reihenfolge ihrer Entdeckung bekanntgeben.

Warum waren alle neuen Planeten während der Entdeckung rückläufig? Dies liegt daran, daß Planeten außerhalb der Erdbahn zum Zeitpunkt ihrer jährlichen Opposition zur Sonne am besten beobachtet werden können. Je weiter sie von der Erde entfernt sind, desto länger sind sie um die Opposition herum rückläufig und desto wahrscheinlicher ist ihre Rückläufigkeit bei der Entdeckung. Interessant ist auch, daß fast alle neuen Planeten in ihren Entdeckungshoroskopen (Daten siehe Tabelle 3) im 9. oder 10. Haus nahe dem MC standen. Auch dafür gibt es eine Erklärung: Die Beobachtungsbedingungen sind für derartig weit entfernte und lichtschwache Objekte während der (nächtlichen) Kulmination einfach am günstigsten.

 

Astrologische Relevanz

Sind die neuen Transneptunier und Transplutonier astrologisch überhaupt relevant? Natürlich wissen wir das erst dann, wenn wir sie astrologisch erforscht haben. Ihre Bedeutung für die Astrologie sollte man meiner Meinung nach nicht wegen ihres geringen Durchmessers oder ihrer großen Entfernung herunterspielen. Pluto, oder auch Chiron, lehren uns ständig, daß diese Kriterien nichts über ihr astrologisches Gewicht aussagen.

Bemerkenswert ist sicher "1992 QB1", der zuerst entdeckte Planet aller 13 Transneptunier und Transplutonier. Bei seiner Entdeckung am 30.8.1992 stand er ausgerechnet exakt am Frühlingspunkt! Ich könnte mir gut vorstellen, daß er aufgrund dieser besonderen "Pionierstellung" am Widderanfang ein Wegweiser zum astrologischen Verständnis der neuen Planeten ist. Für eine Deutung ist es noch zu früh. Hierzu warten wir Astrologen noch gespannt darauf, welche "richtigen" Namen die neuen Planeten erhalten werden.

Eines steht jedenfalls schon heute fest: Pluto ist in all seiner Faszination und streckenweiser Bedrohlichkeit nicht das "letzte Wort" des Kosmos. Nach langem Warten wissen wir jetzt endlich, daß es im Sonnensystem etwas jenseits von Pluto gibt. Und es werden wahrscheinlich noch mehr Transplutonier (und auch Transneptunier) entdeckt werden. Bis die Bahnen der neuen Planeten am "Horizont" des Sonnensystems exakt bestimmt sind, werden noch Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte vergehen.

Selbst für Pluto, der 1930 entdeckt wurde, existiert bis heute noch keine vollständige analytische Bahntheorie über größere Zeiträume. Man hat ja noch nicht einmal einen ganzen Umlauf beobachtet. Bei Berechnungen über mehrere Jahrhunderte werden wir uns auch bei den neuen Planeten noch für längere Zeit mit relativ provisorischen Ephemeriden begnügen müssen, was möglicherweise ein Problem für astrohistorische Forschung ist. Ich glaube, daß es dennoch möglich sein wird, erste brauchbare Hinweise für die astrologische Bedeutung der Transneptunier und Transplutonier zu finden. Damit werden sie sicher auch der Astrologie neue Horizonte eröffnen.

 

Für die freundliche Unterstützung und Beratung in Fragen der Astronomie und Astrophysik möchte ich dem Astrophysiker Robert Klaffl, München, recht herzlich danken.

Die diesem Artikel zugrundeliegenden Daten und Theorien reflektieren den Wissensstand bis Mitte September 1994. Da laufend neue Beobachtungen, Berechnungen und Forschungsergebnisse hinzukommen, sind möglicherweise schon nach wenigen Monaten manche Theorien und Bahnbeschreibungen überholt (mit Ausnahme der Positions- und Entdeckungsdaten). Der Autor zieht mit diesem Artikel keine Bilanz, sondern liefert lediglich einen Zwischenbericht zu diesen für die Astrologie so interessanten Entdeckungen.

 

Quellen:

  1. M.P.E.C. (Minor Planet Electronical Circulars) und I.A.U.C. (International Astronomical Union Circulars), Minor Planet Center, Smithsonian Astronomical Observatory, Cambridge, U.S.A.

  2. Astronomical Almanac 1995, J2: Observatories-Index-List; J3: Observatories Coordinates

  3. Dieter Koch, Neue Planeten, in: Meridian 2/94

  4. Sterne & Weltraum-Zeitschrift, Ausgaben 1/1993 und 8-9/1993 (1992 QB1 und 1993 FW)

  5. Süddeutsche Zeitung, 10/11.10.1992 und 15.10.1992 (Artikel zu 1992 QB1)

  6. The Software Toolworks: Multimedia Encyclopedia-CD-ROM (Infos zu G. Kuiper)

  7. Die Berechnungen wurden erstellt mit: "MPO 1993", Integrationsroutine für Kleinplaneten, Bdw-Publishing, Florissant, USA und "Astroclock" by David Ransom jr., California, USA

 

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