Neues aus der Astronomie

© , 1994/95

Dieser Artikel erschien in Meridian 2/95.

(Die zum Artikel gehörenden Tabellen mit den Entdeckungsdaten weiterer TNOs wurden aktualisiert. Siehe vorherige Seite, Rubrik: Neue Planeten)

 

Vom Rande des Sonnensystems...

In meinem letzten Meridian-Artikel (1) gab ich die Entdeckungsdaten und -positionen der bis dahin 13 Transneptunier und Transplutonier bekannt. Mittlerweile sind noch vier weitere hinzugekommen (siehe Tabelle 1). Drei von ihnen (1994 TG, 1994 TH, 1994 TG2) sind um ca. 1-3 AE (Astronomische Einheiten 2) weiter von der Sonne entfernt als Pluto, könnten aber seine Bahn nach Innen kreuzen. Der Vierte (1994 TB) liegt mit einer mittleren Sonnenentfernung von ca. 31,7 AE in der Nähe der Neptunbahn. Die genauen Bahnformen der vier neuen "Eiszwerge" sind im Moment (Stand: Januar 1995) wegen der kurzen Beobachtungenszeit noch nicht bekannt. Deshalb können für sie zur Zeit auch noch keine Langzeit-Ephemeriden berechnet werden. Vorläufige Ephemeridenrechnungen werden erst dann möglich sein, wenn ihre Bahnelemente durch zusätzliche Beobachtungswerte genauer bestimmt worden sind.

Der Transneptunier "1994 TB" scheint wie einige seiner "Kollegen" wieder in einer stabilisierenden 1:1 oder 2:3 - Resonanz mit der Neptunbahn zu stehen. Es wird also immer wahrscheinlicher, daß auch die Bahnen der Transneptunier relativ langlebig und stabil sind. Ihre Zahl ist bereits auf 8 und die der Transplutonier auf 9 angestiegen. Übrigens hat kein einziger von ihnen Ähnlichkeit mit einem der acht fiktiven "Transneptuner" der Hamburger Schule, oder mit dem hypothetischen "Transpluto-Isis". Es ist sowieso äußerst fraglich, ob für diese astronomisch überholten Bahntheorien jemals auch nur ein einziges konkretes Äquivalent gefunden wird (3).

Bei den jetzt insgesamt 17 realen Transneptuniern und Transplutoniern handelt es sich jedenfalls um eine völlig neue Kleinplanetengruppe, die sich wahrscheinlich in mehr als nur zwei Untergruppen (4) aufteilt. Zum Beispiel weisen einige davon verblüffende Ähnlichkeiten zu Chiron und Pholus auf. Die Durchmesser dürften durchweg zwischen ca. 100 - 400 km liegen - es könnten aber auch noch größere Objekte gefunden werden.

Manche Astronomen vermuten, daß sie Mitglieder einer bislang vermißten "Plutofamilie" (5) sein könnten. Bis auf die Tatsache, daß Pluto einen Mond (Charon) hat, ist er in seiner Beschaffenheit und Bahnform (2:3-Resonanz mit Neptun) den äußeren Planeten wesentlich ähnlicher als den restlichen des inneren Sonnensystems.

 

"1994 TA" - Ein neuer Kentaur?

Ebenfalls im Oktober 1994 wurde ein weiterer interessanter Kleinplanet mit einer großen Exzentrizität von 0,39, einer 73-jährigen Periode und einer mittleren Entfernung von 17,5 AE (Uranus = ca. 19 AE) entdeckt: Er erhielt die routinemäßige, provisorische Bezeichnung "1994 TA" (siehe Tabelle 2). Da für ihn schon viele Beobachtungen vorliegen, können bereits bogenminutengenaue Ephemeriden per numerische Integration für ca. +/- 100 Jahre erstellt werden.

Seine Bahnexzentrizität, -lage und Periode ähnelt durchaus der Chiron- und Pholusbahn. Im Gegensatz zu den beiden Kentauren überschneidet er aber die Saturnbahn nicht nach Innen (siehe Abbildung 1). Er nähert sich ihr jedoch in Sonnennähe (Perihel) mit 10,6 AE immerhin auf etwa 1 AE an. Wahrscheinlich handelt es sich hier wie bei Chiron und Pholus um eine saturnkontrollierte und instabile Bahn. Mit 24,3 AE steht "1994 TA" bei Sonnenferne (Aphel) weit außerhalb der Uranusbahn.

 

"1994 XL1" - Der exzentrische Winzling

Es gibt nicht nur aus transsaturnischen Gefilden Neues zu berichten. Auch mitten im Herzen des Sonnensystems gab es im November 1994 eine überraschende und seltene Entdeckung: Mit einer mittleren Sonnenentfernung (0,67 AE), die kleiner als die der Venusbahn ist (0,72 AE), sorgte der nur 300 Meter "große" Asteroid "1994 XL1" für Aufsehen. Das fliegende "Empire State Bulding" (8) rast mit einer durchschnittlichen täglichen Bewegung von fast 2° auf einer sehr exzentrischen und um 28° geneigten Bahn. Dabei überschreitet es im Perihel die Merkurbahn nach innen und im Aphel die Erdbahn nach Außen. Der ganze Sonnenumlauf dauert nur 200 Erdentage! Damit übertrifft "1994 XL1" sogar noch die bislang sonnennächsten Erdbahnkreuzer der Apollo- und Atengruppen. Zum Zeitpunkt der ersten Sichtung am 24.11.1994 war "1994 XL1" glücklicherweise in seiner Sonnenferne (Aphel), weshalb eine Entdeckung überhaupt erst möglich war. In Sonnennähe wäre es wegen der blendenden Sonne ansonsten unmöglich, einen derartig kleinen und schnellen Körper aufzuspüren. Ob ein so winziges Objekt allerdings für die Astrologie noch relevant ist, sei dahingestellt. Am Ende plagen wir uns noch mit Tausenden von millimetergroßen Staubkörnern ab.

Wenn die Geschwindigkeit der Entdeckungen im Sonnensystem weiterhin so zunimmt wie in den letzten zwei Jahren, wird sich für die Astrologie immer dringender die quälende Frage stellen: Wie gehen wir mit den zahlreichen neuen und möglicherweise wichtigen Deutungskandidaten um? Zu einer kritisch-konstruktiven und unvoreingenommenen Auseinandersetzung möchte ich an dieser Stelle einladen. Interessenten können sich in diesem Zusammenhang auch an den von mir und Dieter Koch im Januar 1995 gegründeten "Arbeitskreis Neue Planeten (ANP)" wenden.

(Anmerkung: Der ANP wurde im Jahre 1996 mangels Interesse wieder aufgelöst. Die Forschung und Austauschmöglichkeiten an den Neuen Planeten gingen seitdem unvermindert weiter und werden auch in einem neuen, erfolgreicheren Konzept im Kentauren-Forschungsprojekt zusammengefaßt).

Quellen:

  1. M.P.E.C. (Minor Planet Electronical Circulars) und I.A.U.C. (International Astronomical Union Circulars), Minor Planet Center, Smithsonian Astronomical Observatory, Cambridge, U.S.A.

  2. Die Berechnungen wurden erstellt mit: "MPO-1993"-Integrationsroutine für Kleinplaneten, Bdw-Publishing, Florissant, USA und "Astroclock" by David Ransom jr., California, USA

  3. Astronomical Almanac 1995, J2: Observatories-Index-List; J3: Observatories Coordinates

 

Fußnoten:

1. Robert von Heeren, Neue Entdeckungen jenseits der Neptun- und Plutobahn, Meridian 6/94

2. In der Astronomie werden Entfernungen im Sonnensystem üblicherweise in "Astronomischen Einheiten", abgekürzt "AE" angegeben. 1 AE = 149,6 Mio. km, was der mittleren Entfernung zwischen Sonne und Erde entspricht.

3. Siehe den Artikel von Dieter Koch, Neue Planeten, Meridian 2/94

4. Hinweis in einer persönlichen Mitteilung von Jim Scotti an mich. Mr. Scotti ist u.a. Mitentdecker von Pholus und Wissenschaftler am Lunar & Planetary Laboratory an der Universität von Arizona, U.S.A.

5. Alan Stern, Where has Plutos family gone?, Astronomy Journal, September 1992. Einer anderen, älteren Theorie zufolge könnten die neuen Transneptunier und Transplutonier auch zu einer riesigen "Kometenwolke" gehören. Siehe dazu auch den Artikel von Alan Stern: Chiron - Interloper from the Kuiper Disk?, Astronomy Journal, August 1994.

6. (Diese Fußnote bezieht sich auf die Tabellen 1 und 2 mit den Entdeckungsdaten). Sämtliche Entdeckungsdaten beziehen sich auf den exakten zeitpunkt der 1. Fotografie des Objektes. Es ist mir bewußt, daß die eigentliche persönliche Entdeckung bzw. Bewußtwerdung des Entdeckers (wie zum Beispiel bei Chiron durch Kowal) durchaus erst später erfolgt sein kann. Dies wird jedoch von den Astronomen nicht veröffentlicht. Die Entdecker privat darauf anzusprechen, ist angesichts der unter den Astronomen leider weit verbreiteten Aversion gegen die Astrologie nicht gerade einfach. Wenn möglich, werde ich es jedoch versuchen.

7. (Diese Fußnote bezieht sich auf Abbildung 1 mit der Bahnlagegrafik für "1994 TA"). Die Grafik wurde mit dem Programm "Sosys", programmiert von Dieter Koch und Robert von Heeren, erstellt (Anmerkung: später erhielt dieses Programm den Namen "OrBITs2000 für Windows").

8. Zitat aus Sky & Telescope - Online, CompuServe, Dezember 1994.