Ein Besuch von Chiron

von Eric Francis, Brayton, GB im April ´98

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors: Robert von Heeren, München im Mai ´98

(Übersetzung erschienen in der aktuellen merCur-Ausgabe September/Oktober 1998)

Bahnlagegrafiken von Chiron, Pholus und Nessus

Neulich gab ich meiner Klientin am Ende einer astrologischen Beratung das Buch "Chiron and the Healing Journey" von Melanie Reinhart. In der Beratung hatten wir uns vor allem auf die Chironwiederkehr der Klientin konzentriert, einen Transit, den man bei Erreichen des 51. Lebensjahres erlebt. Als sie das Buch in ihren Händen hielt und auf den Umschlag sah, brach sie plötzlich in Tränen aus. Ich saß mit ihr da und wartete, bis sie sich wieder fing, um sie dann nach dem Grund für ihren Schmerz zu fragen. Sie erzählte mir daraufhin folgende Geschichte:

Vor einigen Jahren wurde sie nach Manhattan gebeten, um sich um einen Freund zu kümmern, der nur noch wenige Tage zu leben hatte. Eines nachts hörte sie, wie ein Pferd durch die Straßen der Stadt galoppiert. Es schien recht ungewöhnlich, daß ein Pferd so schnell durch die Straßen galoppiert und dabei so laut ist, daß man es sogar noch hinter dicken Sandsteinwänden hören konnte. Doch damals hatte sie sich wegen ihrer sonstigen Lebenssituation kaum Gedanken darüber gemacht. In der darauffolgenden Nacht hörte sie die Hufschläge des selben Pferdes, nur daß es sich diesmal deutlich langsamer im Trab bewegte. In der dritten Nacht hörte sie von der Küche aus wie das Pferd immer langsamer wurde und ganz in der Nähe der Wohnung stehen blieb. Sie ging in das Wohnzimmer und erlebte eine Vision von etwas, das sie als einen ungefähr zwölf Meter großen Kentauren - halb Mensch, halb Pferd - beschrieb. Er stand direkt vor ihr. Der menschliche Teil des Wesens war glatzköpfig und nackt, und vereinigte sich ab den Hüften mit dem Pferdekörper. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie keine Ahnung, was sie da sah und obwohl das Wesen nicht bösartig wirkte, war sie von der machtvollen Ausstrahlung, der Kraft und Größe des Wesens völlig überwältigt. Ihr Freund starb in dieser Nacht. Sie sagte, die Illustration auf der Titelseite von Melanies Buch zeige unverwechselbar diese Kreatur. Es war also Chiron, der erste Kentaur und der astrologische Namensvetter des im Jahre 1977 entdeckten ersten Kentaurenplaneten. Wir hatten gerade den größten Teil des Abends damit verbracht, die Einflüße Chirons auf ihr Leben zu diskutieren, ihren Entwicklungsweg über eine Vielzahl von Transiten und Veränderungen zu verfolgen, was schließlich in die Betrachtung ihrer gegenwärtigen Chironwiederkehr mündete. Als sie das Bild sah, schloß sich der Kreis. Sie erkannte Chiron und verstand noch gründlicher, was sie damals erfahren hatte. Für mich schloß sich ein ganz anderer Kreis: die Erkenntnis, daß sich Chiron auf sehr markante Weise überall manifestieren kann, ob es eine "astrologische" Erklärung dafür gibt oder nicht. Chiron war der führende Heiler der griechischen Mythologie. Zu seinen Disziplinen gehörte die Naturheikunde, Chirurgie (was im ursprünglichen soviel wie "Handwerker" bedeutet), Chiropraktik, Kriegsmedizin, Ethik und Musik. Er war ein hingabevoller Lehrer dieser Bereiche. Zu seinen Schülern zählte - neben vielen anderen großen Helden des antiken Griechenland - Asklepius, der griechische Gott der Heilkunst. Seine Einflüße auf die Sprache und Kultur des Westens war weitverzweigt und tief. Die meisten griechischen Wörter und Konzepte in Bezug auf die Hände und das Heilen mit den Händen leiten sich vermutlich von Chirons Name ab.

Eines der größten Mysterien für Astrologen ist die Frage, wie Astrologie überhaupt funktioniert. Jeder Astrologe, der sich ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzt, würde von der genauen Untersuchung von Chirons Wirkung auf sein Leben und auf das Leben seiner Klienten profitieren. Vor allem sollte man die Chirontransite für den Zeitpunkt überprüfen, als man sich entschied, Astrologe zu werden oder als man begann Astrologie zu studieren. Die Position und Aspektierung Chirons in einem Horoskop erzählt vom Prozeß der Verwundung und Heilung, den wir alle auf unserem Weg zur ganzheitlichen und integrierten Person durchleben. Chirons Prozeß ist dem der "schamanischen Verwundung" ähnlich. Darin werden die mächtigsten Lehrer und Visionäre eines Stammes während eines Initiationsrituals in ihr scheinbar höheres - in Wirklichkeit multidimensionales - Bewußtsein eingeführt. Die Anerkennung der Existenz Chirons macht klar, daß schamanische Verwundung ein Prozeß ist, an dem alle Menschen teilhaben. Durch Chiron lernen wir, daß wir nicht hier sind, nur um zu leiden. Wir sollen vielmehr durch unsere Schwierigkeiten wachsen und uns jenseits der Opferrolle erleben. Wir lernen durch die Schleier der Illusion hindurchzusehen, welche uns von Gott trennen (mein Wort für essentielle Existenz).

Hauptphasen Chirons im Leben weisen auf Auslösungspunkte hin, die den Übergang zu mehr Macht und Bewußtheit ermöglichen. Sehr oft deuten sie auch auf den Wunsch und die Fähigkeit hin, uns selbst zu heilen und die Heilung anderer zu unterstützen, indem wir von trainierten Fähigkeiten und Technologien Gebrauch machen. Chiron in die Astrologie miteinzubeziehen zwingt uns dazu, die Rolle der Astrologie neu zu überdenken. Dazu gehören Fragen bezüglich ihres Zwecks, warum sie funktioniert und welches die effektivsten Möglichkeiten sind, das Handwerk zu praktizieren. Im Grunde genommen bringt die Einbeziehung Chirons die Astrologen zu der Einsicht, daß die Menschen in erster Linie zum Astrologen kommen, weil sie auf der Suche nach Heilung sind. Deshalb dienen wir dem Zwecke, den Heilungsprozeß zu unterstützen, ob wir es mögen oder nicht und ob wir uns für diese Aufgabe für geeignet halten oder nicht. Die Menschen glauben, daß die Astrologen eine besondere kosmische Verbindung haben und kommen deshalb dieser Auffassung folgeleistend zu uns. Daß sie diesem Ruf folgen, hebt die Astrologen aus der Masse der Magier, Wahrsager, "Medien" und Prognostiker heraus. Es bringt uns gleichzeitig in eine viel ernstere Rolle. Die Berücksichtigung Chirons verankert die Astrologen fest in der Realität, daß unser Handwerk legitim und notwendig ist, und nach Zeitaufwand honoriert wird.

Die Astrologie ist Teil eines viel breiteren Spektrums an Heilkünsten und kann in mehrfacher Weise sowohl gebraucht, als auch mißbraucht werden. Was die Macht hat zu heilen, hat ebenso die Macht zu verwunden. Astrologen, die mit Chiron arbeiten wollen, müssen viel Energie in ihren eigenen Wachstumsprozeß investieren, wodurch sich die Astrologie in eine allumfassende Lebenskunst verwandelt. Wenn man sich in der Rolle des Helfers befindet, ist das Ringen um Gleichgewicht, Klarheit, Ehrlichkeit und einen echten Zustand ganzheitlicher Gesundheit für den Prozeß wesentlich. Vorbei sind die Tage der übergewichtigen, rauchenden, keuchenden Wahrsager, die Ratschläge zur Gesundheit geben. Um Chiron Rechnung zu tragen ist es außerdem wesentlich, den Gebrauch der Astrologie als prognostisches Werkzeug zu überdenken. Durch Chirons astrologische Linse betrachtet, ist die Zukunft lediglich ein Resultat der Gegenwart. Mit anderen Worten: die Zukunft, welche jetzt noch nicht existiert, wird von etwas verursacht und dieses "Etwas" geschieht jetzt. Vielleicht ist es eine Einstellung, ein Glaube, eine Idee, ein Zusammenwirken von Umständen, eine Beziehung oder ein Wunsch. Sehr oft ist die Zukunft durch eine astrologische Interpretation verursacht worden. Die Interpretation ist ein kreativer Vorgang, der von zwei oder mehr Leuten eingeleitet wird, die sich im Namen der Wahrheit versammelt haben. Und der Prozeß zeigt Resultate. Die Zukunft zu verstehen oder zu entziffern, ist in Wirklichkeit kaum möglich. Die Aufgabe von Astrologen und Astrologiestudenten besteht also darin, das zu verstehen, was gerade jetzt geschieht. Es geht vielmehr darum, die Gelegenheiten der Gegenwart zu sehen und zu erkennen, wie sie die Zukunft beeinflußen würden. Das bedeutet, daß die Aufgabe des Astrologen mehr im Zuhören, als im Sprechen, mehr im Stellen von vielen Fragen, als im Geben von Antworten liegt. Zum Beispiel geht die Astrologie Chirons nicht von der Annahme aus, daß der Interpret den Klienten kennt, wenn er oder sie dessen Horoskop kennt. Es liegt am Astrologen, daß er den Klienten durch geschickte, auf dem Horoskop basierende Fragen dazu bringt, sein Horoskop zu erklären. In diesem Prozeß des Zuhörens werden Muster auftauchen, die vielen Ereignissen im Leben des Klienten zugrundeliegen. Dies wird ein Bild der verschiedenen Ursachen für die Gegenwart erstehen lassen. Astrologie wird als Mittel zur Bündelung und Erklärung der auftauchenden Informationen dienen und den Astrologen dabei leiten, zu welchen Themen und Zeitabschnitten er zu fragen hat. Astrologie ist viel besser zum fragen geeignet, als zum antworten, deshalb brauchen wir beides zusammen - den Klienten und die Astrologie. Ursache und Wirkung sind nie isoliert voneinander. Um aber echte Veränderungen zu bewirken, muß als erstes die Ursache geändert werden. Das hört sich banal an, aber der größte Teil der gegenwärtigen Astrologie wird nicht auf diese Art praktiziert. Wenn erst einmal die Ursache eine Situation entdeckt ist, dann ist auch Heilung möglich. Heilung von was? Zum Beispiel von unserer sorgfältig kultivierten Abscheu vor uns Selbst. Von unserer Langweile mit uns selbst und unseren Partnern. Von unseren sexuellen Schuld- und Frustrationsgefühlen. Von unserer Isolation von Gott und von der Angst vor dem Tod. Von unserem Gefühl, keine Optionen zu haben. Von unserer Wut und Depression und unserer schwer geschädigten Fähigkeit, Freude und Leidenschaft ausdrücken zu können. Von unserem Glauben, daß unser Leben klein und bedeutungslos ist. Und noch wichtiger: die Freiheit von der Heilung selbst. Das Leben ist ein kreativer Prozeß und das, was wir Heilung nennen, ist nur der erste Schritt auf dem Weg zu viel mehr.

Eric Francis ist amerikanischer Schriftsteller und Astrologe mit italienischer Abstammung, Sitz in Woodstock, New York. Sein Spezialgebiet ist die Chiron-Astrologie. Seine Nachforschungen in bezug auf Umweltvergehen großer amerikanischer Unternehmen, Giftskandale (PCB etc.) brachte ihm Auszeichnungen. Seine Artikel wurden unter anderem in Magazinen und Zeitungen wie z. B. Sierra, The Village, The New York Times etc. veröffentlicht. Er gibt astrologische Online-Beratungen (natürlich auch von Person zu Person) und unterhält auch eine Maillist im Internet zum Thema Astrologie und Kentauren.