1. Buchrezension von Brigitta Klose, Hamburger Hefte 2/96

Pholus, 1992 entdeckt, hat sehr schnell Fürsprecher gefunden, die ihn in die astrologische Welt einführen.

Genaues Datum der Entdeckungsaufnahme: 9. Januar 1992; 9:01 GMT; Kitt Peak, Tucson, Arizona/USA; Länge West +111°36; Breite Nord +31°58

Es fielen an dem Objekt "1992 AD" sofort auf:

  1. seine Umlaufbahn: Bei Sonnennähe kreuzt er die Saturnbahn (von innen) und bei Sonnenferne nicht nur die Chiron- und Uranusbahn, sondern auch die Neptunbahn (von außen). Umlaufzeit um die Sonne beträgt etwa 92 Jahre (der vorige Umlauf betrug nur 90 Jahre).
  2. sein dunkelrotes Spektrum

Dieses Objekt unterschied sich damit von anderen Himmelskörpern. Die genauen Einzelheiten werden im Buch detailiert beschrieben.

Der Entdecker Rabinowitz gab ihm zunächst wegen seiner, ähnlich dem Chiron, exzentrischen Umlaufbahn den Beinamen "Sohn des Chiron". Den lateinischen Namen "Pholus" erhielt "1992 AD" nach dem Kentauren Pholos aus der griechischen Mythologie. Rabinowitz glaubte anscheiend , daß PHolos mit Chiron verwandt war. Das stimmt nur im übertragenen Sinne, da Pholus neben Chiron "der einzig höherstehende, gutmütige und ziviliserte Kentaur" war.

Chiron und Pholus verbindet auch ihre Zwitternatur zwischen Asteroid und Komet, was der Zwitternatur der Kentauren zwischen Mensch und Pferd entwpricht. Sie geben damit einer neuen Gruppe von Himmelskörpern, den Kentauren, den Namen. "Seit 1994 wird diese Bezeichnung von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) offiziell für eine spezielle, außergewöhnliche Kleinplanetengruppe, deren exzentrische Bahnen irgendwo im Bereich zwischen Jupiter und Pluto liegen, verwendet." (S. 38)

Mit Pholus begann eine Serie interessanter Neuentdeckungen. Es gibt Hinweise auf einen riesigen Kleinplanetengürtel, den Kuiper-Gürtel, jenseits von Neptun und Pluto, benannt nach dem holländischen Astronomen Kuiper, der schon in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts auf das Vorhandensein dieses Kleinplanetenringes hinwies.

Diese Abbildung zeigt die derzeitige Lage der Pholusbahn im äußeren Sonnensystem, von Jupiter (innen) bis Pluto (außen). S. 43 (schwarze Ellipse).

Durch ihre Exzentrik und die Nähe zu den großen Planeten ist die Pholusbahn sehr instabil, und es besteht die Möglichkeit, daß Pholus "ins Innere des Sonnensystems abgelenkt und ein kurzperiodischer Komet der Jupiterfamilie" wird. S. 52

Aber für einige Jahrtausende kann die Bahn als stabil gelten, bis auf kleinere Störungen.

Woher kommen Pholus und Chiron? Man nimmt an, daß es sich um Überläufer aus dem Kuiper-Gürtel handelt. Aus seinen astronomischen Merkmalen schließen die Verfasser auf die astrologische Qualität. Dieter Koch ist es, der die Bedeutung zunächst einmal aus der Reihenfolge innerhalb der Planetenreihe auf geistreiche Weise ableitet.

Er beginnt mit Chiron, den er aus seiner Stellung zwischen Saturn und Uranus zu begreifen versucht. Es ergeben sich zwei Seiten des Schlüsselplaneten:

"Auf dem einen Wege [von Saturn her] ist er einer, der sich vom Leben distanziert und Weisheit sucht, oder, wenn man will, ein am Leben Leidender, der sich nach Erlösung sehnt. Auf dem anderen Wege (zu Uranus hin, Anm. der Red.) dagegen ist er derjenige, der den Mut hat, sich dem Trauma der Geburt und des Lebens, der Intensität des Wirklichseins zu stellen." S. 65

"Chiron ist der Vermittler zwischen Geist und Materie. Es leuchtet daher ein, daß seine Bahn so schön zwischen Saturn und Uranus hin und hergeht." S. 67

Um Pholus zu deuten, begibt sich der Autor auf eine "visionäre Reise von Uranus zu Neptun". Uranus, der Revolutionär, hat eine Fülle von Ideen, immer wieder neu und anders überraschend, mit denen man spontan sich befaßt und sie spielerisch begreift und einsetzt. Die Welt jenseits von Uranus bezeichnet Koch als "Archetypenwelt" oder "geistige Welt", in der man nicht nur spontanen, überraschenden Einfällen nachgeht, sondern eintaucht in die Tiefe. Jenseits von Uranus = Himmel, nach alter Vorstellung der gläserne Boden eines "Himmelsaquariums", befindet sich Wasser, die Wasser der archetypischen Welt, die uns Eigenbewegung erschwert und deren Kräfte uns zu bestimmen drohen. Wir haben keinen klaren Blick mehr auf die Gegebenheiten, sondern Ahnungen, die sich auch in unwillkürlichen Handlungen äußern (z.B. in den wohlbekannten Freud'schen Fehlhandlungen). Hier sieht Dieter Koch nun den Planeten Pholus am Werk.

Erst nach dieser Interpretation der möglichen Wirksamkeit aus der Stellung innerhalb der Planetenreihe geht er auf die Mythologie ein.Sie finden in dem Buch eine ausführliche Beschreibung der Sagen um Chiron und Pholus, um die Kentauren überhaupt. Es wird auf die Varianten eingegangen, die zu diesen Sagen existieren. Die Symbolik, Herkunft, Namen, Gestalt und Aktion wird hinterfragt. Die Vorgehensweise ist sehr gründlich. Es ist außerdem ein Lesevergnügen für Liebhaber des klassischen Altertums. Ich beschränke mich hier auf kurze Hinweise.

Von Pholos (ich folge hier den Autoren, die die griechische Schreibweise wählen, wenn es sich um die Mythologie handelt, und das lateinische Pholus, wenn astrologische Zusammenhänge geklärt werden) wird berichtet, daß er zwischen Dionysos und Hephaistos vermittelte, die beide die Insel Naxos beanspruchen. Als Dank für die Entscheidung zu seinen Gunsten gab Dionysos dem Pholos ein Faß Wein, das später indirekt zum Tode der Kentauren und auch zum Tode des Chiron und des Pholos führte. Das finden wir in der Herakles-Sage. Herakles bricht auf, um den erymanthischen Eber zu fangen. Auf seinem Weg kehrt er bei dem Kentauren Pholos ein, der ihn freundlich empfängt, ihm gebratenes Fleisch vorsetzt, während er selbst es roh verzehrt. Doch Herakles dürstet es. Pholos denkt an das Faß im Keller, möchte es aber nicht öffnen, da es allen kentauren gehört. Herakles überredet ihn, doch kaum ist das Faß geöffnet, dringt der Duft des guten alten Weines zu den anderen Kentauren, und sie umringen, mit Felsstücken und Baumstämmen bewaffnet, die Höhle des Pholos. Herakles erwehrt sich ihrer und verfolgt die Schar bis nach Malea, wo sie bei Chiron Schutz und Hilfe suchen. Ein Pfeil des Herakles, vergiftet mit dem Blut der Hydra, dringt durch den Arm eines Kentauren und fährt in das Knie des Chiron. Als alle Arzneien versagen, verspricht Herakles, ihm Erlösung zu schicken, was er auch hält. Pholos indessen wundert sich, daß solch kleine Pfeile so große mächtige Wesen wie die Kentauren töten können. Er zieht einen Pfeil heraus, um ihn zu untersuchen. Dabei fährt er ihm aus der Hand und in seinen Fuß und tötet ihn auf der Stelle, denn er ist im Gegensatz zu Chiron sterblich.

Ist Pholus nun Entfesseler der Kentaurenhorde oder die Entscheidungen treffende Instanz?

Was unterscheidet Chiron und Pholus astrologisch? Chiron betrachtet die Ereignisse distanziert und philosophiert darüber. "Chiron hat Erfahrungsweisheit, kennt vor allem die Vergangenheit. Pholus dagegen sieht in die Zukunft." S. 136

Er soll auch ein Meister in die Eingeweideschau gewesen sein. Dieser Schau in die Eingeweide eines opfertieres liegt die Idee zugrunde, daß man einerseits durch ein Opfer einen Blick in die Zukunft werfen, aber auch Veränderungen bei sich selbst oder in der Welt herbeiführen kann. Damit wagen wir einen Neuanfang. Dieses wäre "eine mögliche astrologische Bedeutung des Planeten Pholus: es geht darum, Abstand zu nehmen von Bisherigem und aus diesem Abstand heraus neue Perspektiven zu gewinnen." S. 136

Hüter des Weines und damit indirekt Verursacher des eigenen Todes und des Todes der übrigen Kentauren zu sein, deutet Koch auf folgende Weise: Tod ist der Beginn eines neuen, geistigen Lebens und damit Überwindung und Erhöhung der animalischen Natur der Kentauren. "Pholus ist also der Verwahrer des Dionysos-Weines und damit Träger der Verheißung einer Verwandlung des Kentaurischen in Göttliches, des Triebhaften in Weisheit." S. 137

Aber bevor es dazu kommt, werden die unbewußten Triebe geweckt und befreit; es kommt zum Kampf, der dann zum Heil führt. Daß Pholus den Wein, die entfesselnde Macht, nicht sofort, vielleicht sogar nicht freiwillig herausrückt, kann darauf hindeuten, daß bei Übergängen des Pholus auch für uns Unsicherheit und Angst erwächst, die in uns drängenden Kräfte frei zu lassen.

Wir beobachten bei Pholus auch so etwas wie wissenschaftliche Neugierde, wenn er den Pfeil aus der Wunde zieht, um ihn zu untersuchen. Spontane Einfälle setzt er in die Tat um, und das kann sowohl in neues Glück wie in eine Katastrophe führen. "Pholus manifestiert sich hier also als unterbewußt gesteuertes Geschick oder Ungeschick." S. 139

Allgemein kann man sagen, daß er unsichere Übergänge initiiert und mit Zeiten emotionaler Stürme in Zusammenhang steht.

Robert von Heeren untersucht dann die Wirkung von Pholus-Transiten. Er stellt fest, daß man bei der exzentrischen Bahn von Pholus keine Mittelwerte bei der Transitdauer angeben kann wie bei den großen Planeten. Die individuelle Häufigkeit der Pholustransite ist von der Generation abhängig, der man angehört. Er geht auch auf den Breiteneffekt ein, d.h. ein Planet kann denselben Tierkreisgrad haben wie der Aszendent, aber gleichzeitig noch tief unter dem Horizont liegen oder schon weit über ihm. Wieso? Der Tierkreis schneidet den Horizont schräg, die Planeten werden aber lotrecht auf den Tierkreis projiziert. Radix- oder Transitaspekte sind also bei Berücksichtigung der ekliptikalen Breite oft nicht exakt. Trotzdem zeigt die astrologische Erfahrung, daß eine Konjunktion auf der Eklitpik wirklich als Konjunktion zu werten ist, auch wenn 17° Breitendistanz dazwischen liegen. Es wurden folgende Fragen gestellt:

  1. Ist Pholus im Transit über wichtige Radixfaktoren spürbar?
  2. Welchen tieferen Sinn haben die Erlebnisse für die Betroffenen, und welchen Rang messen sie ihnen für ihre Entwicklung bei?
  3. Welche astrologischen Eigenschaften hat Pholus im Transit über Radixfaktoren?

Diese Fragen wurden empirisch untersucht, indem Robert von Heeren von verschiedenen Interessenten der Jahrgänge 1912 bis 1968 die vollständigen Geburtsdaten erhielt und ihre Horoskope berechnete. In alle Horoskope setzte er Pholus, Chiron und den wahren Mondknoten ein und verwendete als Häusersystem das von Placidus. Er erstellte für Pholus die Transitlisten von der Geburt bis zur Gegenwart: Durchgänge durch die Placidushäuser, Spannungsaspekte (auch Konjunktionen) des transitierenden Pholus zu Radixplaneten, Radix-Mondknoten, Radix-Chiron und der eigenen Radixposition (Maximal-Orbis bis 2°). Harmonische Aspekte sind entweder indirekt enthalten oder wurden fortgelassen.

Übergänge über Halbsummen und sensitive Punkte, sowie der Lauf von Hauptplaneten über den Radixpholus wurden nicht berücksichtigt.

Die befragten Personen erhielten die Transitlisten ohne astrologische Bezüge, um sie nicht zu beeinflußen. Sie mußten zu den entsprechenden Zeiträumen ihre Erlebnisse aufzeichnen. "Mit der Zeit sammelten sich für fast alle wichtigen Pholustransite ausreichend schriftliche Erfahrungsberichte an". S. 157

In der Schlußbetrachtung zu den Pholustransiten stellt Robert von Heeren fest, daß Pholus als "ein Katalysator und Enthemmer" wirkt, beim Durchgang durch die Häuser in dem dadurch angezeigten Lebensbereich und beim Übergang über Radixplaneten in dem entsprechenden Wesensanteil. Oft empfinden die Betroffenen den Pholustransit als Erwachen neuer Bedürfnisse oder als Beginn eines neuen Lebensabschnittes.

Er faßt zusammen:

"Die folgenden Themen können bei Pholustransiten sowohl in der positiven, wie auch in der negativen Variante auftreten:

Dieter Koch widmet sich sodann der Rolle von Pholus im Geburtshoroskop. Hier ist die Deutung natürlich noch schwieriger und muß in gewisser Weise vorläufig hypothetisch bleiben, denn 3 Jahre, die seit Erscheinen des Pholus vergangen sind, reichen selbstverständlich nicht aus, um die Findungen in der Erfahrung zu prüfen. So betont er auch gleich zu Anfang, daß hier sicher nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Im Anhang des Buches findet sich unter anderem eine Ephemeride für Pholus, die das Nacharbeiten in eigener sache erleichtert.

Das Buch ist mit großem Ernst, zuverlässiger Genauigkeit und in die Tiefe gehender Betrachtung geschrieben und eine Bereicherung für jeden Astrologen.

Brigitta Klose, Hamburger Hefte 2/96 Seiten 57-62