Was ist Astrologie? - Eine persönliche Stellungnahme

© n, 1998-2011

Mit dem folgenden Aufsatz möchte ich einen kleinen und sicher noch unvollständigen Beitrag zur Definition der Astrologie liefern und zugleich auch meine persönliche Auffassung dazu äußern.

 

Denkt der Laie an Astrologie, dann denkt er wohl zu 99% an die Astrologie der Zeitungshoroskope und Tierkreiszeichen. Das restliche 1% ist wahrscheinlich nur eine vage Ahnung, daß da noch mehr dahinterstecken könnte. Gerade in den Zeitungshoroskopen erscheint sie als unterhaltsames und zugleich oft auch angstbeschwichtigendes Zukunftsorakel (unser modernes Volksorakel), woraus sich die hohe Popularität der Zeitungshoroskope erklärt. Deshalb wird sie auch als Volksastrologie oder Vulgär- bzw. Populärastrologie bezeichnet. Dies deshalb, weil es sich schon gar nicht um ein Horoskop handelt:
Ein echtes Horoskop (abgeleitet von "Stundenschau") ist eine Kreisgrafik, die für einen bestimmten Zeitpunkt und Ort die exakten geozentrischen Positionen von Sonne, Mond und den Planeten in den "Ziffernblättern" der Ekliptik (astrologischer Tierkreis) und des Häuserkreises abbildet. (Siehe Literaturhinweise letzter Punkt am Seitenfuß). Nicht mehr und nicht weniger. Diese Grafik ist die Basis aller Horoskopdeutung. Bei Zeitungshoroskopen kann es gar nicht zur Anwendung kommen, denn dann müßte man von jedem Leser das genaue Geburtsdatum und die Geburtszeit kennen, also für jeden Leser ein individuelles Horoskop erstellen, was natürlich technisch nicht machbar ist. Also beschränkt man sich aus diesen technischen Gründen rein auf den Stand der Sonne innerhalb der Ekliptik und selbst der wird in diesen Zeitungshoroskopen nicht exakt berechnet (da wären wieder aufwändige Tabellen notwendig). Letztlich wird also ein wesentlich komplexeres und individuelleres Horoskop auf ein grobes Rudiment zusammengestutzt, auf einen winzigen Bruchteil dessen, was es ursprünglich mal war. Aus astrologisch-fachlicher Sicht eigentlich eine Schande. Der Schaden, den die Astrologie durch diese Verzerrung erfährt, ist erheblich. Tatsächlich steckt aber vielmehr hinter diesem äußeren Zerrbild der Astrologie:

Von professionellen Astrologen wird die Astrologie gerne etwas abstrakt als die "Wissenschaft von Raum und Zeit" (z.B. ein Buchtitel im Astrodata-Verlag: "Astrologie - Wissenschaft von Raum und Zeit" von Claude Weiss) oder als die "Wissenschaft von der Zeitqualität" (abgemildert: "Wissen von der Zeitqualität") definiert, wobei diese in ständiger Veränderung ist. Dies ist in gewisser Hinsicht sicher zutreffend, doch den Begriff "Wissenschaft" mit Astrologie in Zusammenhang zu bringen, ist nicht nur für die Gegner der Astrologie (1) eine Art Blasphemie und ein gefundenes Fressen für leider oft niveaulose antiastrologische Attacken, sondern auch inhaltlich schlicht mißverständlich. Einerseits steckt die wissenschaftlich-empirische Erforschung der Astrologie und ihrer Grundlagen noch in den Anfängen, so daß hier nicht von Seiten der Astrologie behauptet werden kann, sie sei nach den strengen Kriterien der seriösen Wissenschaft "bewiesen", obwohl es einige echt wissenschaftliche und wiederholbare Erfolge schon gibt (mehr dazu siehe Linkliste unten). (2)

Das Fehlen eines umfassenden wissenschaftlichen Beweises bedeutet aber andererseits weder, daß Astrologie deshalb automatisch als blanker Unsinn und Aberglaube abgetan werden muß, noch, daß sie keine wissenschaftlichen Elemente enthält oder nicht wenigstens in Teilbereichen wissenschaftlich ist und wissenschaftlich untermauert werden kann bzw. wird können. Beispielsweise beruhen ihre Horoskopberechnungen (nicht unbedingt die der Zeitungshoroskope. Gemeint sind hier echte Geburtsbilder) auf wissenschaftlich-mathematisch exakt berechenbaren Bewegungen der Himmelskörper in unserem Sonnensystem. Was die Astrologie mit diesen Berechnungen macht, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Trotzdem steht die Astrologie so gesehen durchaus in enger Beziehung zu wissenschaftlichen Disziplinen wie der Astronomie, Mathematik (indirekt: Physik und Astrophysik), Geografie etc. Natürlich geht sie über das rein empirisch Berechenbare und Meßbare weit hinaus: sie wurzelt auch in den Welten der Mythologie, Symbole, Mystik, Philosophie und schlägt seit Mitte unseres Jahrhunderts die Brücke zur Psychologie und Tiefenpsychologie bzw. verschiedenen modernen Formen der Menschenkunde. Für mich ist die Astrologie im Kern eine komplizierte Symbolsprache (zum Vokabular gehören die bekannten Tierkreiszeichen, Planeten, Häuser, Aspekte etc.), deren Übersetzung in die normale Sprache auf verbaler, intuitiver, kombinatorischer, empathischer, imaginativer, logisch denkender und fühlender Ebene große Kunstfertigkeit erfordert. "Deutungskunst" oder "Sprachkunst von der Zeitqualität und von Energien" sind Formulierungen, die aus meiner Sicht das Wesen der Astrologie treffender beschreiben. "Wissenschaftlich" ist sie insofern, als daß sie auf über jahrtausendelanger Tradition und überlieferten persönlichen Erfahrungen beruht (sogenannte Erfahrungsempirie). Die "objektive" Gültigkeit solcher persönlicher Erfahrungen und Evidenzen (z. B. daß die und die Konstellation mit der und der Wesensart korrelliert) ist zwar fehlerbehaftet und hinterfragungswürdig. Trotzdem ist es Tatsache und auch grundsätzlich nicht auszuschließen, daß sich aus der Summe sehr vieler Erfahrungs- und Erkenntniswerte eine äußerst brauchbare und differenzierte astrologische Menschenkunde herauskristallisiert hat. Warum sie funktioniert wird von Seiten der Wissenschaft (und eigentlich auch der Astrologen) noch nicht richtig verstanden. Ich hoffe, daß diese Feststellung als bescheidener kleinster gemeinsamer Nenner zwischen Astrologen und Astrologieskeptikern akzeptiert werden kann. Das wäre ein Anfang einer Annäherung.

Das Funktionsprinzip der Astrologie ist aus meiner Sicht akausal, obwohl hier durchaus auch unter Astrologen kontroverse Standpunkte vertreten werden. Sie fußt m. E. eben nicht darauf, daß beispielsweise irgendwelche unsichtbaren berüchtigten "Strahlen vom Mars" uns durchsetzungsfreudig, kampfbereit, zielorientiert, aggressiv etc. machen (das wäre mechanistisch-kausal gedacht). Ein nach astrologischen Deutungsregeln "marsbetontes" Horoskop ist lediglich der symbolische Anzeiger oder die kosmisch vergrößerte Abbildung dieser Veranlagung, als ob sich dasselbe Naturprinzip in verschiedenen (aber prinzipiell ähnlichen) Formen auf verschiedenen Ebenen des Lebens gleichzeitig manifestiert, ähnlich dem Konzept des "Synchronizitäts"-Begriffs Carl Gustav Jungs (3). Betrachtet man die eine Manifestation (z. B. der am Aszendent astrologisch stark gestellte Mars), so kann man gemäß der Astrologie nach gewissen Deutungsregeln auf die Eigenschaften der gleichzeitig stattfindenden anderen Manifestation (z. B. die Geburt eines Menschen oder ein anderes Ereignis dieses Zeitabschnittes) schließen: Ein Übertragungs- bzw. Abbildungsverfahren nach dem Analogieprinzip. So absurd es vielleicht klingen mag: im Prinzip funktioniert das auch umgekehrt. Das Problem ist nur, daß die "Marseigenschaften" beim Neugeborenen noch gar nicht zu erkennen sind (bei einem Ereignis schon viel eher), sie werden sich ja erst im Laufe des Lebens je nach Lebensbedingungen und Erziehung (wichtig! Es steht nicht alles im Horoskop) unterschiedlich entfalten und ausdrücken. Der Planet Mars in der Nähe des Aszendenten z. B. ist da schon viel leichter zu erkennen. Später allerdings, wenn wir neugierigen Astrologen dann diesem durchsetzungsfreudigen und kampflustigen (meinetwegen Skeptiker) zum Beispiel in einer hitzigen Debatte begegnen und dann in dessen Horoskop schauen , finden wir uns durch dessen Mars in der Nähe des Aszendenten zumindest teilweise bestätigt (hier müßte Merkur noch in engem Kontakt mit Mars stehen)! Die Astrologie schiebt dem Mars aber nicht die "Schuld" dafür zu, daß der neugeborene Mensch mit ausgeprägten marsischen Eigenschaften auf die Welt kommt (was ja auch kein Makel ist). Sie sieht es einfach nur als paralleles Ereignis an. Dabei kann es sich um eine "globale", d.h. weltumspannende "Veranlagung" handeln (die sog. kollektive Zeitqualität) oder auch um eine rein individuelle Anlage. Dieses Abbildungsprinzip ist also entscheidend. Was für Zusammenhänge letztlich dahinterstecken, warum und wie dieses Prinzip (Fehlerquoten zugestanden) letztlich funktioniert und überhaupt existiert, das läßt sich leider noch nicht klar und wissenschaftlich beweisbar beantworten. Hier muß man im Moment auf metaphysisch-philosophische Erklärungsmodelle zurückgreifen, was zwar die Grundfrage der naturwissenschaftlichen Erklärung nicht befriedigt, aber durchaus sehr aufschlußreich und erhellend und logisch ist. Die oben verwendeten Begriffe Abbildungsprinzip, Analogie etc. sind im Grunde schon metaphysisch-philosophischen Ursprungs. Ich hoffe, daß dieser Erklärungsansatz dem wohlwollenden wie skeptischen Leser etwas geben kann.
 
Noch ein kleines Nachwort: Bei solchen Diskussionen über die "Beweisbarkeit" eines Sachverhaltes wie dem der Astrologie stellt sich eigentlich (zumindest mir) auch die Frage, ob wir wirklich von der heutigen Wissenschaft erwarten können, dass sie auf alles eine Antwort hat, für jede Erkenntnisform einen Beweis liefern kann bzw. überhaupt die richtigen Instrumentarien hat, derartig komplexe Themen zu erfassen. Ist sie das Maß aller Dinge? Kann man den Menschen, der immer ein Unikat ist, wirklich in Zahlen, Statistiken wie auch immer vollständig erfassen, beschreiben und verallgemeinern?
Sind wir nicht in mancher Hinsicht auch zu wissenschaftsgläubig? Ich finde, auch diese Fragen sollten erlaubt sein und es lohnt sich m.E. darüber nachzudenken. Nicht im Sinne von Wissenschaftsfeindlichkeit und auch nicht deshalb, damit man die noch zu wenigen wissenschaftlichen Beweise für die Astrologie rechtfertigt, sondern zugunsten von Objektivität, damit man sich um die Komplexität der Fragestellung und Problematik bewußt wird. Derjenige skeptische Interessent, der dazu bereit ist, sich auch auf diese Fragen einzulassen, sich mit der anspruchsvolleren Form der psychologischen Astrologie ernsthaft und unvoreingenommen auseinanderzusetzen, es versucht Erfahrungen damit zu sammeln, wird mit der Zeit feststellen, dass Astrologie zum gewissen Grad funktioniert. Das entspricht eben der Erfahrung aus der Vergangenheit und tausender heutiger Astrologen. Derjenige, der nicht dazu bereit ist, könnte sich die Frage stellen, warum er sich nicht mit diesen Fragen beschäftigen will, wo er doch gleichzeitig trotzdem anscheinend von dem Thema auf irgendeine Art und Weise fasziniert ist. Natürlich kann man sehr schnell zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der Astrologie um eine reine Glaubensfrage handelt. Dieser Meinung bin ich nicht, da nur die persönliche Erfahrung wirklich auf Dauer zählt. Der "Glaube" kann dabei eine Rolle spielen, auch die Selbsttäuschung. Zieht man diese beiden Faktoren von der Summe der Erfahrungen ab, so bleibt nach meinem Dafürhalten immer noch genügend lohnenswertes übrig.

1) Unter ihnen verständlicherweise viele Astronomen, die sich ganz besonders als Wissenschaftler verstehen und sich oft vehement gegen den "Aberglauben" der Astrologie abgrenzen. Beispiel: der verstorbene Carl Sagan, der ein hervorragender und weltweit bekannter Astronom und Wissenschaftler war, aber leider nur sehr wenig Ahnung von der Astrologie hatte und sich trotzdem sehr oft sogar im Fernsehen z.B. bei Podiumsdiskussionen in diskriminierender Weise gegen die Astrologie und die Astrologen aussprach.

2) Auch das vieldiskutierte Buch "Die Akte Astrologie" von Gunter Sachs, Goldmann Verlag 1997, gehört - entgegen seiner eigenen leider pseudowissenschaftlichen Behauptung, daß die Relevanz der Tierkreiszeichen bewiesen sei - leider nicht dazu. Hier lag ein Trugschluß vor. Siehe der offiziellen Stellungsnahme (und den Repliken) des DAV-Astrologen Dr. Niehenke, die hier im Internet nachzulesen ist.


 
Einige Buch-, Essay- und Link-Empfehlungen zum Thema "Astrologie und Wissenschaft":

Eysenk: Rezension des Buches "The Tenacious Marseffect" von Prof. Ertel in englisch direkt online

Ertel: "The Tenacious Marseffect" zum bestellen (englisch).

DAV: Webseite des Forschungszentrums des Deutschen Astrologen Verbandes (deutsch).

DAV: hier finden Sie eine Zusammenstellung des Deutschen Astrologenverbandes zu den wichtigsten Thesen der Astrologie.

IGPP: Astrologie-Publikationen-Datenbank zu recherchieren (deutsch/englisch), siehe Link auf "Stichwortliste"
dort kann man zum Thema Stichwörter auswählen und nach Artikeln etc. in der Datenbank suchen.

Essays zum Thema: Aufsätze von Astrologen zum Thema (deutsch), Standpunkte etc.

Dieter Koch: Kritik der astrologischen Vernunft (deutsch)
Eine Klärung des Anspruches der Astrologie
Antworten der Astrologie an ihre Kritiker

Anita Cortesi: Fritz Riemanns "Lebenshilfe Astrologie" (deutsch)
Eine kurze aber treffende Beschreibung des Standardwerkes von Riemann, der international anerkannter Psychoanalytiker und Astrologe in München war.

C.G.Jung: Synchronizität, Akausalität und Okkultismus, dtv 1990.
Standardwerk des richtungsweisenden Psychologen und Analytikers.
Hier kommt auch Astrologie zur Sprache.

Dr. Peter Niehenke: Kritische Astrologie, Aurum Verlag 1987.
Zur erkenntnistheoretischen und empirisch-psychologischen Prüfung ihres Anspruchs.

Dr. Theodor Landscheidte: Sun-Earth-Man, ISBN 1-871989-00-0, Urania Trust publishing London.
A Mesh of Cosmic Oscillations.

Astrodatabank: A List of the best astrological research books and studies.

Robert von Heeren: Die vier Ebenen des Horoskops. 33-seitige Einleitung in den Aufbau der Horoskopzeichnung. Erläuterung der Bedeutung und astronomischen Herleitung der vier Deutungsebenen Tierkreis, Häuserkreis, Planetenreihe und Aspektreihe. Mit 35 Abbildungen zur Veranschaulichung.