Hypothetische Planeten

Teil I: "Transpluto / Planet X"

Erschien in gekürzter Version in merCur 1/99

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Einige Astrologen und astrologische Zirkel experimentieren in der Horoskopdeutung zum Teil schon seit Jahrzehnten mit mutmaßlichen Planeten oder spekulativen, planetenähnlichen "Wirk"-Faktoren. Dazu gehören zum Beispiel ein inner-merkurischer Planet namens "Vulkan", die acht sogenannten "Transneptuner" der Hamburger Schule oder auch verschiedene "Transpluto"-Planeten. Auch der fiktive "zweite" und "schwarze" Mond der Erde, dem der Astrologe Sepharial im Jahre 1918 den Namen "Lilith" gab, gehörte lange Zeit dazu. Allerdings handelt es sich hier um einen Sonderfall: ein auf einer falschen Hypothese basierender Faktor wurde so lange umdefiniert, bis er mit der himmelsmechanischen Realität in Einklang stand. Mehr dazu im zweiten Teil!

Mit Ausnahme also der modernen "Lilith" korrespondieren alle diese hypothetischen Planeten mit keinem wirklich existierenden astronomischen Äquivalent. Sie gehen geschichtlich gesehen auf Spekulationen von Astronomen zurück. Manche Hypothesen und Voraussagen dieser und anderer Astronomen bahnten den Weg für spektakuläre Entdeckungen in der Astronomie. Immer stellte sich dann heraus, daß die tatsächlichen Himmelskörper etwas andere Eigenschaften besaßen als man vorher theoretisiert hatte: die ursprünglichen Hypothesen wurden von der Wirklichkeit korrigiert. Auch die Astrologen wendeten sich vernünftigerweise (meistens) den neuen, realen Planeten bzw. himmelsmechanischen Tatsachen zu. Ob es dabei zum Beispiel um den vorhergesagten Planeten Neptun oder um Pluto ging: die Astrologie hat von derartigen Entdeckungen erheblich profitiert.

Manche Astrologen knüpfen aber auch an gewagten astronomischen Hypothesen an. Sie sammeln "Erfahrungen" mit diesen hypothetischen Faktoren und entwickeln für sie astrologische Deutungen, ohne zu wissen, wie abwegig oder veraltet die angenommene Berechnungsgrundlage und Hypothese dafür ist. Ihnen ist dieses Problem oftmals durchaus bewußt. Ein letzter "Ausweg" scheint für sie die Umdefinition des hypothetischen Planeten in einen "Sensitivpunkt ohne materielle Entsprechung" zu sein. Das ist heikel! Denn erstens meine ich: jeder x-beliebig zurechtgebastelter Planet könnte so zu einem astrologisch "wertvollen" Deutungsfaktor deklariert werden. Kann man nicht für jeden noch so fiktiven Punkt im Horoskop "Erfahrungen" sammeln? Zweitens: Sensitivpunkte sind zwar materiell nicht existent, leiten sich aber (siehe "Pars Fortuna", "Hyleg" etc.) direkt von konkreten Himmelsphänomenen wie z.B. Aszendent, Sonne, Mond und Planeten usw. ab! Insofern besitzen sie eben doch einen realen Hintergrund. Hypothetische Planeten wie zum Beispiel die fiktiven "Transpluto" sind jedoch schlicht und ergreifend frei erfundene Objekte oder - wie im Falle der "Transneptuner" der HS - aus astrologischen Beobachtungen "rekonstruiert", was aber astronomisch gesehen trotzdem auf Phantom-Planeten hinausläuft.

Da nun die Herkunft und astrophysikalische Basis vieler hypothetischer Objekte nur wenigen bekannt ist, möchte ich mit dieser Artikelreihe etwas Licht in das Dunkel um die astronomischen und geschichtlichen Hintergründe einiger "Hypos" bringen. Hierbei werde ich auch auf neue astronomische Erkenntnisse und eventuelle Entdeckungen eingehen.

 

Alles fing mit Uranus an

Die Suche nach einem fiktiven "Planet X" begann bereits im Jahre 1841: John Adams untersuchte nämlich in diesem Jahr die bis dahin unerklärlich großen Störungen der Uranusbahn. Paul Schlyter schreibt diesbezüglich in seinem Artikel "Hypothetical Planets": 1845 fing auch Urbain Le Verrier an, sich mit diesem Problem zu beschäftigen. Er präsentierte seine Lösung im Jahre 1846, aber Frankreich hatte nicht die nötigen Ressourcen, um den Planeten zu suchen. Le Verrier wandte sich daraufhin an das Berliner Observatorium, von wo aus Galle und sein Assistent d'Arrest den Planeten Neptun am Abend des 23. September 1846 entdeckten. Am 30. September 1846 erklärte Le Verrier nur eine Woche nach der Entdeckung Neptuns, daß es dort Draußen noch einen weiteren unbekannten Planeten geben könnte. Am 10. Oktober entdeckte man Triton, den größten Mond des Neptun. Er bot eine einfache Möglichkeit, die Masse Neptuns abzuleiten. Es stellte sich heraus, daß sie 2% größer war, als man auf Basis der Störungen in der Uranusbewegung erwartet hatte. Es schien, als ob die Abweichungen der Uranusbahn in Wirklichkeit von zwei Planeten verursacht wurden. Zusätzlich stellte sich heraus, daß sich die wirkliche Neptunbahn deutlich von den von Adams und Le Verrier vorhergesagten Bahnen unterschied.

 

Die Suche nach transneptunischen Planeten...

Der erste ernsthafte Versuch, einen transneptunischen Planeten zu finden, wurde von David Todd im Jahre 1877 unternommen. Er wendete eine "grafische Methode" an. Trotz der Ungereimtheiten in den Störungen der Uranusbewegung, leitete er aus ihnen Bahnelemente für einen transneptunischen Planeten ab: mittlere Entfernung 52 Astronomische Einheiten, Periode 375 Jahre, Helligkeitsklasse kleiner als 13. Die Länge gab er für den Bezugszeitpunkt (Epoche) 1877,84 mit 170 Grad und einer Unsicherheit von immerhin 10 Grad an. Die Inklination (Bahnneigung) sollte 1,40 Grad und die Länge des aufsteigenden Knoten 103 Grad betragen. Schlyter berichtet ausführlich von weiteren Transneptun-Theorien verschiedener Astronomen und Mathematiker, zu denen zum Beispiel auch Thomas Jefferson Jackson See gehörte. Er sagte gleich drei transneptunische Planeten voraus: "Oceanus" bei 41,25 astronomischen Einheiten und einer Periode von 272 Jahren, "Trans-Oceanus" bei 56 AE und einer Periode von 420 Jahren und schließlich noch einen Transneptunier in einer Entfernung von 72 AE und mit einer Periode von 610 Jahren. Zum Vergleich: Plutos Entfernung zur Sonne schwankt bei einer Periode um die 249 Jahre zwischen 29,5 und 49 AE. Ein weiteres Beispiel aus Schlyters Aufzählung zahlreicher Transneptun-Theorien: Dr. Theodor Grigull aus Münster vermutete im Jahre 1902 einen Planeten von der Größe des Uranus bei 50 AE, der eine Periode von 360 Jahren haben sollte. Er nannte ihn "Hades"!

Diejenigen Vorhersagen für einen Transneptun, die am sorgfältigsten ausgearbeitet waren, gingen laut Schlyter auf die Amerikaner William Henry Pickering (16.1.1858 - 21.1.1938) und Percival Lowell (13.3.1855-12.11.1916) zurück. Beide beschäftigten sich mit dem gleichen Thema, hatten aber verschiedene Ansätze und kamen schließlich zu verschiedenen Ergebnissen: Pickering wendete eine grafische Analyse an und schlug in den Jahren 1908 bis 1932 mindestens sieben hypothetische, transneptunische Planeten vor! Er gab ihnen einfache Buchstabenkürzel: O, P, Q, R, S, T und U. Die meisten von Pickerings Hypothesen waren nur von vorübergehendem Interesse im Sinne von Kuriositäten... Im Jahre 1911 nahm Pickering zum Beispiel an, daß "Planet Q" die 20.000-fache Masse der Erde hat. Er machte ihn somit 63 Mal schwerer als Jupiter und über 1/6 so schwer wie die Sonne, was Q nahe an die Grenze eines Zwergsterns brachte.

 

...führte zur Entdeckung Plutos

Die Suche nach einem Transneptun führte zunächst zur Entdeckung Plutos: Percival Lowell baute ein privates Observatorium in Flagstaff, Arizona. Von dort aus suchte er im Jahre 1909 zum ersten Mal - allerdings vergeblich - nach "Planet X". 1913 begann er mit einer zweiten Suche, die auf seiner neuen Vorhersage für den 10. Planeten basierte: Epoche 1.1.1850, mittlere Länge 11,67 Grad, Perihellänge 186 Grad, Exzentrizität 0,228, mittlere Sonnenentfernung 47,5 AE, Länge des aufsteigenden Knotens 110,99 Grad, Inklination 7,30 Grad, Masse: 1/21.000 der Sonnenmasse. Doch auch die zweite Suchaktion hatte keinen Erfolg. Lowell und andere suchten in den Jahren 1913-1915 leidenschaftlich nach diesem 10. Planeten (Bahnlagegrafik siehe Abbildung 1) weiter, aber erst dem im Dezember 1929 vom Lowell Observatorium angeheuerten Farmerjungen und Amateurastronomen Clyde Tombaugh (4.2.1906-17.1.1997) glückte dann schließlich (nach dem Tod Lowells) die lang ersehnte Entdeckung. Am 23. und 29. Januar 1930 nahm Tombaugh seine Fotografien auf, auf denen er den Planeten Pluto am 18. Februar 1930 entdeckte. Die Suche nach dem 10. Planeten hatte ihr Ende gefunden. Tatsächlich? Der neue Planet, den man später Pluto nannte, erwies sich als enttäuschend klein. "Planet X" müßte aber viel größer sein, wenn er für die Störungen der Uranusbahn verantwortlich sein soll! Tombaugh setzte deshalb seine Suche weitere 13 Jahre fort. Er erforschte den Himmel vom Himmelsnordpol bis 50 Grad südliche Deklination und herab bis zur 16., 17., manchmal sogar 18. Helligkeitsklasse. Tombaugh untersuchte stattliche 90 Millionen Fotografien und eine Fläche von mehr als 30.000 Quadratgrad des Himmels! Er entdeckte z.B. 775 Asteroiden! Einen neuen Planeten fand er aber nicht. Tombaugh folgerte daraus, daß es keinen unbekannten Planeten heller als die 16,5. Helligkeitsklasse gibt. Nur ein Planet in einer annähernd polaren Umlaufbahn und in der Nähe des südlichen Himmelspols wäre vielleicht seinen akribischen Suchaktionen entgangen. Ansonsten hätte er auf jeden Fall einen Planeten der Größe Neptuns mit einer Entfernung Plutos oder einen Planeten in Größe Plutos und bis in die doppelte Neptunentfernung gefunden.

 

Die Suche geht weiter

Pickering fuhr damit fort, neue Planeten vorherzusagen (siehe oben). Andere Astronomen sagten auf Basis theoretischer Überlegungen ebenfalls neue Planeten voraus. Auch Lowell hatte einen zweiten Transneptunier bei ungefähr 75 AE vorhergesagt.

Im Jahre 1946 schlug nun Francis M. E. Sevin einen transplutonischen Planeten bei 78 AE vor, der dann Basis für spätere und heutige "astrologische" Transplutos werden sollte. Er leitete ihn mittels einer kuriosen Methode ab, bei der er die Planeten und den eigenartigen Asteroiden 944 Hidalgo in zwei Gruppen von inneren und äußeren Himmelskörpern unterteilte:

   Gruppe I:     Merkur    Venus   Erde      Mars   Asteroiden Jupiter
   Gruppe II:      ?       Pluto   Neptun   Uranus  Saturn     Hidalgo

Schlyter berichtet: ...Er zählte dann die Logarithmen der Umlaufzeiten jedes Planetenpaares zusammen und fand dabei eine einigermaßen konstante Summe von ungefähr 7,34. Von der Annahme ausgehend, daß diese Summe auch für Merkur und den Transplutonier Bedeutung hat, kam er für "Transpluto" schließlich auf eine Periode von ungefähr 677 Jahren. Später erarbeitete Sevin für diesen "Transpluto" Bahnelemente: große Halbachse 77,8 AE, Periode 685,8 Jahre, Exzentrizität 0,3, Perihellänge für den Periheldurchgang zur Epoche 1772,76 bei 0.7 Grad, Masse = 11,6 Erdenmassen. Seine Hypothese stieß unter Astronomen nur auf wenig Interesse...

Wie dem Aufsatz Schlyters im weiteren zu entnehmen ist, verfolgte K. Schütte aus München im Jahre 1950 einen anderen Weg: er verwendete die Daten von acht periodischen Kometen, um daraus einen transplutonischen Planeten in 77 AE abzuleiten. Vier Jahre später präzisierte H. H. Kitzinger aus Karlsruhe unter Verwendung der selben acht Kometen diese Arbeit. Er folgerte, daß sich dieser mutmaßliche Planet in einer Entfernung von 65 AE aufhält und eine Periode von 523,5 Jahren, eine Bahnneigung von 56 Grad und eine geschätzte Helligkeit der Klasse 11 hat. Im Jahre 1957 überarbeitete Kitzinger die Bahnelemente: große Halbachse 75,1 AE, Periode 650 Jahre, Inklination 40 Grad! Nach erfolglosen fotografischen Suchaktionen, überarbeitete er das Problem im Jahre 1959 nocheinmal. Jetzt kam er auf eine Distanz von 77 AE, eine Periode von 675,7 Jahren, eine Inklination von 38 Grad und eine Exzentrizität von 0,07 (Abbildung 2). Dies war ein Planet, der dem "Transpluto" Sevins ähnelte und in mancher Hinsicht auch Pickerings letztem Planeten "P" ähnlich war. Trotzdem hat man keinen dieser Planeten gefunden.

Schlyter erwähnt weitere Transpluto-Theorien von Astronomen, wie zum Beispiel von Tom van Flandern und Robert S. Harrington, die sich auf nachwievor ungeklärte Störungen der Uranus- und Neptunbahnen stützten. Van Flandern und Harrington vermuteten, daß der zehnte Planet in der Nähe des Aphels auf einer stark geneigten Bahn laufen könnte. Finden konnten sie ihn allerdings nicht. John Anderson vom Jet Propulsion Laboratory (JPL) vermutete 1987 einen Transpluto mit fünfacher Erdmasse, einer Umlaufzeit zwischen 700-1000 Jahren und einer "großen" Bahnneigung. Man würde eine durch ihn verursachte Störung der äußeren Planeten erst wieder im Jahre 2600 messen können...

Conley Powell von JPL analysierte 1987 ebenfalls die Bewegungen der äußeren Planeten. Er fand heraus, daß die Beobachtungen des Uranus nach 1910 plötzlich viel besser mit den Berechnungen übereinstimmten, als vor 1910. Powell vermutete einen Planeten mit 2,9-facher Erdmasse in 60,8 AE Sonnenentfernung, einer Periode von 494 Jahren, einer Bahnneigung von 8,3 Grad und einer "recht kleinen" Exzentrizität. Powell war fasziniert davon, daß die Periode ungefähr zweimal so groß wie die des Plutos und dreimal so groß wie die Neptuns war. Das brachte ihn zu der Annahme, daß der Planet, den er in den Daten zu sehen glaubte, eine Umlaufbahn hatte, die durch eine gegenseitige Resonanz mit den Nachbarn stabilisiert war. Die Lösung legte einen Planeten im siderischen Sternbild Zwillinge nahe. Außerdem vermutete er, daß der Planet heller als Pluto sein müßte. 1987 führte man im Lowell Observatorium eine Suche nach "Planet Powell" durch: gefunden hat man nichts. Powell überarbeitete seine Lösung und korrigierte die Bahnelemente: 0,87-fache Erdenmasse, Entfernung 39,8 AE, Periode 251 Jahre, Exzentrizität 0,26 (eine plutoähnliche Umlaufbahn! Abbildung 3). Powells neuer Planet sollte sich gegenwärtig im siderischen Sternbild Löwen befinden. Eine Suche nach diesem Planeten hält Powell aber noch für verfrüht.

 

Das Problem mit den Bahnelementen

Obwohl also nie einer dieser hypothetischen Transplutos trotz enormer technischer Fortschritte je gefunden wurde, haben Astrologen Transpluto-Ephemeriden auf Basis unvollständiger und vager Bahnelemente (und oft ohne Berücksichtigung von Bahnstörungen) berechnet, die direkt oder indirekt von Sevin, Schütte und Kitzinger stammen oder von ihren Theorien abgeleitet sind. Landscheidts Transpluto basiert wie die meisten anderen heute erhältlichen Transpluto-Ephemeriden oder Transpluto-Berechnungen zum Beispiel auf Sevins Bahnelementen. Man sollte sich bei der Nutzung derartiger "Ephemeriden" im klaren sein, daß die Astronomen bei ihren Theorien oft eine Ungenauigkeit im Bereich von mehreren Bogengrad eingeräumt hatten. Die ungefähren Bahn- und Positionsangaben waren eigentlich nur dazu gedacht, den suchenden Astronomen auf eine Himmelsregion zu verweisen, um ihm einen Anhaltspunkt für die Suche zu geben. Bestimmt waren sie nicht für bogenminutengenaue Ephemeridenrechnungen vorgesehen! Ungenauigkeiten in den Bahnelementen können bei einer Ephemeride nämlich ohne weiteres zu Fehlern von mehreren Bogengrad führen.

Beispiele: Besonders krass wirkt sich ein Fehler bei der Bahnexzentrizität aus. Bereits eine Halbierung der Bahnexzentrizität Plutos von 0,24 auf 0,12 führt in der Gegenwart zu einer Positionsverschiebung um fast 5 Bogengrad! Nehme ich Sevins Transpluto-Bahnelemente und verändere seine Exzentrizität von 0,3 auf 0,4, so erhalte ich für den 1.1.1850 bereits eine Verschiebung von Transpluto um 13°! Der Fehler vergrößert sich noch, je weiter man sich vom Ursprungsdatum der Bahnelemente entfernt oder wenn man die Störungen vernachläßigt, die von Neptun und anderen Hauptplaneten ausgeübt wird.

Ein zusätzliches Problem ist, daß die Transpluto-Bahnelemente unvollständig sind: für einige der für die Ephemeridenrechnung notwendigen Bahnelemente wurden einfach keine Angaben gemacht, - die Werte müssen entweder "geschätzt" oder auf Null gesetzt werden!

Auch hierzu Beispiele:

Sevin hatte für seinen Transpluto meines Wissens nur die große Halbachse mit 77,75 AE, das Perihel für die Epoche 1772,76 für 0,7 Grad, die Exzentrizität mit 0,3 und die Periode mit 686 Jahren angegeben. Sollte diese Transplutobahn wirklich keine Neigung (Inklination) besitzen? Das ist aber äußerst unrealistisch: der Planet würde dann wie die Sonne exakt innerhalb der Ekliptik laufen. Alle Hauptplaneten und so gut wie alle Asteroiden, Kentauren, Kometen etc. laufen aber auf mehr oder weniger geneigten Bahnen um die Sonne. Schon 5 Grad Bahnneigung verändern aber die Ephemeridenpositionen für Sevins Transpluto um 4 bis 15 Bogenminuten.

Die Vernachlässigung der Bahnstörungen habe ich mithilfe eines sehr exakten NASA-Rechners anhand Sevins Bahnelemente überprüft: da die Ephemeride für Transpluto-Isis ab dem Periheldurchgang zur Epoche 1772.76 (= ca. 5.10.1772) berechnet werden muß, summiert sich der Bahnstörungseffekt bis zum Beispiel Anfang 1990 auf immerhin fast 1° Abweichung im Vergleich zur üblichen Berechnungsweise ohne Bahnstörungen. Die Transpluto-Ephemeriden beispielsweise des Astron-Verlages (auch der "Transpluto-Isis" des Schweizer Astrologen-Verbandes beruht auf Sevins Bahnelementen) berücksichtigt nicht die Bahnstörungen.

Auf einer solchen Basis berechnete Ephemeriden sind höchst spekulativ. Denn auch wenn sich solch ein transplutonischer Planet nur sehr langsam im Tierkreis fortbewegt, so spielt es astrologisch eine erhebliche Rolle, ob er in Wirklichkeit vielleicht doch eine geringfügig andere Bahnexzentrizität besitzt, als angenommen oder aufgrund von Bahnstörungen oder ungenauen Angaben zu den Bahnelementen um bis zu mehrere Bogengrad versetzt läuft, falls er überhaupt existiert.

 

Überraschende Entdeckungen

Trotz der Mißerfolge bei der Suche nach einem großen Transpluto konzentrierte sich das Interesse weiterhin auf die äußeren Bereiche des Sonnensystems. Neben den Entdeckungen der Kentauren Chiron (1977), Pholus (1992) und Nessus (1993) im Bereich zwischen Saturn und Pluto war es vor allem die Entdeckung des ersten echten Transneptuniers und Plutobahn-Kreuzers "1992 QB1" im August 1992, die einen Durchbruch bei der Klärung der Frage nach möglichen transplutonischen Planeten ankündigte. Man entdeckte nämlich in den darauffolgenden Jahren dutzende transneptunische und transplutonische Kleinplaneten mit Durchmessern zwischen 180 und ca. 600 Kilometern und Umlaufzeiten zwischen ca. 200 und fast 800 Jahren! Das Wissen um das äußere Sonnensystem wurde revolutioniert und erzwang ein Umdenken bezüglich der Vorstellung nur eines einzigen Transplutoniers. Als dann auch noch die Raumsonden Pioneer 10&11, sowie Voyager 1&2 das äußere Sonnensystem durchquert hatten, und man sie als "Testsonden" für die Suche nach unbekannten Gravitationskräften eventuell unbekannter Planeten nutzen konnte, zeigte sich: es sind keine Störungen vorhanden! Die Voyager-Sonden ermittelten zu allem Überfluß auch noch genauere Massen für die Planeten Uranus und Neptun. Als man diese verbesserten Massen in die numerischen Integrationen des Sonnensystems einfügte, verschwanden schließlich die vorher beobachteten Abweichungen zwischen den berechneten und beobachteten Positionen dieser beiden Planeten.

Es scheint also, als ob die Suche nach dem einzigen, großen "Planeten X" schließlich ein Ende gefunden hat. Dafür hat man einen riesigen Kleinplanetengürtel außerhalb der Neptun- und Plutobahn gefunden! Mittlerweile sind 73 ungewöhnliche transneptunische und transplutonische Kleinplaneten bekannt, die nichts mit den Asteroiden des Gürtels zwischen Mars und Jupiter gemeinsam haben, auf verschiedenen Bahnen laufen und in mindestens zwei Gruppen eingeteilt werden können: Die "Plutinos" bewegen sich wie Pluto auf etwas exzentrischen Bahnen in einer stabilen 3:2-Bahnresonanz zu Neptun (Perioden bei ca. 250 Jahre), die "Cubewanos" (eine scherzhafte englische Verballhornung von "1992 QB1") laufen hingegen in noch weiterer Sonnenferne auf fast kreisförmigen, stabilen Bahnen mit Perioden von 270 bis über 330 Jahren jenseits von Pluto. Für einige der neuen Kleinplaneten aus dem Kuipergürtel gibt es bereits relativ genaue Bahnelemente. Bei einem Vergleich dieser TNO-Bahnen mit den oben beschriebenen hypothetischen Transpluto-Bahnen konnte ich keine Übereinstimmung finden. Möglich, daß vielleicht eines Tages doch noch eine Bahn gefunden wird, die in ihrer Form einer der hypothetischen Transpluto-Bahnen ähnelt, aber selbst für diesen Fall ist es unwahrscheinlich, daß der echte Transplutonier dann gerade im gleichen Bahnabschnitt und gleichem Tempo läuft, wie der hypothetische! Vielleicht findet man auch einen Kleinplaneten an exakt der Stelle im Tierkreis, wo man gerade den hypothetischen Transpluto-Isis oder einen anderen vermutet. Höchstwahrscheinlich wird aber dann die Bahnform des neuen Kleinplaneten von der Bahn des fiktiven Transpluto deutlich abweichen. In Wirklichkeit kommt es eben meistens anders, als man denkt! Es liegt also an uns, ob wir unsere (astrologischen) Augen vor den wirklichen Entdeckungen verschließen und uns weiterhin in Theorien über hypothetische Transplutos versteigen oder ob wir am Prozeß des Umdenkens teilhaben und unseren Horizont durch die Beschäftigung mit den jüngst entdeckten Himmelskörpern erweitern!

 

Das "verschleuderte" Kuipergürtel-Mitglied "1996 TL 66 " - ein echter Transplutonier

Hier ein Beispiel eines echten Transplutoniers: einer der ungewöhnlichsten und beeindruckendsten Kuipergürtelplaneten. Er trägt momentan noch die provisorische Bezeichnung "1996 TL 66". Seine Bahn fällt in mehrfacher Hinsicht unter den bislang bekannten "Kuiperoiden" aus dem Rahmen: sie ist ungewöhnlich exzentrisch und führt weit über die Plutobahn hinaus. Die Umlaufzeit beträgt 786 Jahre! Mit einem geschätzten Durchmesser von ca. 500 km gehört er zur Zeit zu den größten "Transplutoniern". Man sieht: die Bahn von "1996 TL 66" unterscheidet sich deutlich von den Bahnen der hypothetischen Transplutos.

(Einige Bahnelemente für 1996 TL66: Inklination 23,9°, Exzentrizität 0,58, große Halbachse 85 AE)


Für den Erfahrungsaustausch bezüglich Transpluto danke ich Paul Schlyter und Dieter Koch.


Literaturhinweise