Kentaurenmythologie

 

"Mir war von meinem Vater lange vorausgesagt,

durch keinen, der noch atmet, käme mir der Tod,

vielmehr von einem, der selbst tot im Hades wohnt.

Dies Tier nun, der Kentaur (Nessos), hat, wie des Gottes Wort

gesagt, als Toter mich, den Lebenden, umgebracht."

 

Herakles im "Nessushemd", im Todeskampf an seinen Sohn Hyllos.

(Aus: "Die Trachinierinnen", Drama von Sophokles, siehe Literaturliste)


Inhalt


Die Kentauren

Hier finden Sie als kleine Einführung in die Mythologie um Chiron und Pholus (Texte zu Nessus folgen später) drei von Dieter Koch neu übersetzte Originaltexte aus der griechischen Mythologie um die Kentauren Chiron und Pholus (griech.: Pholos). Die Textbeispiele und Abbildungen sind unserem Buch "Pholus - Wandler zwischen Saturn und Neptun" Chiron Verlag entnommen. Aufnahme in diese Webseite mit freundlicher Genehmigung von Dieter Koch und Chiron Verlag.


Zwei Texte zu Herakles´ Kentaurenkampf

Übersetzung © Dieter Koch, Zürich 1995

Apollodorus Mythographus, Bibliotheca, 2.5.4

"Als vierte Arbeit trug (Eurystheus) (dem Herakles) auf, den erymanthischen Eber lebend zu bringen; dieses Tier nun verging sich an der Psophis, indem es aus dem Gebirge hervorstürmte, das man Erymanthos nennt. Als er durch Pholoe ging, war er dem Kentauren Pholos Gast, einem Sohn des Seilenos und einer Eschennymphe. Dieser bot dem Herakles die Fleischspeisen gebraten an, selber dagegen gebrauchte er sie roh. Als nun Herakles nach Wein verlangte, sagte (Pholos), er fürchte sich, den gemeinsamen Krug der Kentauren zu öffnen; aber zum Mutig-sein auffordernd öffnete Herakles ihn, und nicht viel später kamen die Kentauren herbei, nachdem sie den Duft wahrgenommen hatten, mit Felsen bewaffnet und mit Fichten, zur Höhle des Pholos. Die ersten nun, die es wagten, hereinzukommen, Anchios und Agrios, wandte er ab, indem er mit brennenden Holzstücken warf, die übrigen aber traf er mit Pfeilen und verfolgte sie dabei bis zur Malea. Von dort aber flüchteten sie sich zu Chiron zusammen, der, vertrieben von Lapithen vom Gebirge Pelion, sich an der Malea niedergelassen hatte. Während sie sich um diesen herum aufhielten, (versuchte) Herakles die Kentauren mit Pfeilen zu treffen und sandte ein Geschoß los; dieses aber schoß durch den Arm von Elatos und blieb im Knie des Chiron stecken. Verärgert eilte Herakles hinzu, zog das Geschoß heraus und wandte eine Arznei an, als Chiron (selbst eine solche) gab. Da er die Wunde aber unheilbar hatte, zog er sich in seine Höhle zurück. Und dort begehrte er zu sterben, konnte aber nicht, da er ja unsterblich war; als jedoch Prometheus dem Zeus sich selbst anbot, um an (Chirons) Stelle unsterblich zu werden, starb (Chiron) auf diese Weise. Die übrigen Kentauren aber flohen ein jeder anderswohin, und einige kamen ins Gebirge Malea, Eurytion dagegen nach Pholoe und Nessos zum Fluß Euenos, und die übrigen nahm Poseidon nach Eleusis auf und verbarg sie durch ein Gebirge. Pholos aber hatte aus einem Leichnam das Geschoß herausgezogen und staunte, ob das kleine (Ding) die so großen (Kentauren) verderben konnte; dieses aber glitt aus seiner Hand, kam auf seinen Fuß und tötete ihn auf der Stelle. Als nun Herakles nach Pholoe zurückkehrte und erblickte, daß Pholos gestorben war, begrub er ihn und begab sich auf die Jagd nach dem Eber; und er jagte ihn mit Geschrei aus irgendeinem Dickicht auf, legte ihn, nachdem er in vielem Schnee steckengeblieben, in Fesseln und brachte ihn nach Mykenai."

 

II. Diodorus Siculus, Bibliotheca Historica, 4.12.3ff.

"Gleichzeitig nun, als Herakles diese (Aufträge) ausführte, kämpfte er die sogenannten Kentauren nieder wegen Ursachen folgender Art: Pholos war ein Kentaur, nach dem es sich traf, daß das nahe Gebirge Pholoe benannt wurde; dieser nahm Herakles gastlich auf und öffnete den vergrabenen Weinkrug. Diesen nämlich, sagen die Mythologen, hätte Dionysos vor alters irgendeinem Kentauren anvertraut und aufgetragen, dann zu öffnen, wenn Herakles herbeikäme. Deswegen habe vier Geschlechter später, als er zu Gast war, Pholos sich der Weisung Dionysos' erinnert. Als nun also der Krug geöffnet war und der Wohlgeruch wegen des Alters und der Kraft des Weines zu den nahe wohnenden Kentauren gelangte, geschah es, daß diese in Raserei versetzt wurden; und deswegen gelangten sie versammelt zur Behausung des Pholos und stürzten in erschreckender Weise los zum Raub. Pholos nun, in Furcht geraten, verbarg sich, Herakles aber wurde wider Erwarten mit den Gewalttätigen handgemein; er mußte sich nämlich im Kampf gegen sie behaupten, obwohl sie von Mutter her Götter waren, die Geschwindigkeit von Pferden, die Stärke von zweikörprigen Tieren, die Erfahrung und das Verständnis von Männern hatten. Von den Kentauren nun griffen die einen mit Fichten an, die andern mit großen Felsen, einige aber mit angezündeten Fackeln und andere mit ochsentötenden Äxten. Er aber widerstand unerschrocken und bewerkstelligte einen Kampf, der den zuvor vollbrachten gleichwertig war. Mit ihnen aber kämpfte ihre Mutter Nephele ("Wolke"), indem sie vielen Regen ausgoß, durch den sie zwar den Vierbeinern nicht schadete, dem auf zwei Beine Gestützten hingegen das Schreiten schlüpfrig bereitete. Aber dennoch kämpfte Herakles sie, obwohl sie mit solchen Vorteilen bevorzugt waren, wider Erwarten nieder, und die meisten tötete er, die übriggebliebenen aber zwang er zur Flucht. Unter den vernichteten Kentauren nun waren am berühmtesten Daphnis und Argeios und Amphion, weiter Hippotion und Oreios und Isoples und Melanchaites, zu diesen hinzu noch Thereus und Dupon und Phrixos. Von den der Gefahr entflohenen nun wurde später ein jeder einer Strafe für wert befunden; Homados nämlich z.B. wurde in Arkadien, als er Alkyone, der Schwester von Eurystheus, Gewalt antat, vernichtet. Aufgrund dessen pflegte man über Herakles besonders zu staunen; denn den Feind zwar haßte er besonders, aber sie, an der gefrevelt wurde, bemitleidete er und unternahm es, sich durch schickliches Verhalten hervorzutun.

Etwas Eigenes aber geschah auch um den Pholos genannten Freund des Herakles. Als dieser nämlich wegen seiner Verwandtschaft (mit ihnen) die gefallenen Kentauren bestattete und ein Geschoß aus einem herauszog, wurde er von der Spitze verletzt, und da er die Wunde unheilbar hatte, verendete er. Herakles bestattete ihn auf überaus edle Weise, indem er ihn unter das Gebirge legte, das besser als ein ruhmvoller Grabstein werden sollte: indem es nämlich Pholoe genannt wird, verrät es den Bestatteten durch die Benennung und nicht durch eine Inschrift. Ebenso verdarb er unwillentlich auch den Chiron, den er (man?) wegen seiner Heilkunst bewunderte, mit einem Bogenschuß."


Chirons Abstammung

Apollonius Rhodius, Argonautica, 2.1231ff.

Übersetzung © Dieter Koch, Zürich 1995

 

"Als aber die Nacht herbeikam, fuhren sie an der Insel der Philyra vorbei.

Dort hatte der Uranossohn Kronos der Philyra, als er auf dem Olymp

über die Titanen herrschte und als in einer kretischen Höhle

Zeus noch unter den idäischen Kureten aufgezogen wurde,

die Rhea täuschend, beigeschlafen. Aber in den Laken fand die beiden

die Göttin, mitten (im Akt). Er nun sprang auf aus dem Lager

und entfloh, an Gestalt einem mähnigen Pferde ähnlich.

Sie aber verließ in Scham das Land und jene Orte,

die Okeanostochter Philyra, und kam in die großen Gebirge der Pelasger,

wo sie den gewaltigen Chiron, teils einem Pferde,

teils einem Gotte gleich, wegen dem sich verwandelnden Lager gebar."


 

... weitere Mythologietexte z. B. zu Herakles und Nessus folgen in Kürze.