Revolution im Sonnensystem

Von Kentauren, Transneptuniern und Transplutoniern

© Robert von Heeren im Mai 1996

Mit dem Jahr 1992 begann für die Astronomie eine neue Epoche in der Erforschung des äußeren Sonnensystems. Sie wurde durch eine Serie überraschender Entdeckungen verschiedener ungewöhnlicher und erdferner Kleinplaneten ausgelöst, die von den Astronomen mittlerweile als die bedeutendsten Entdeckungen in unserem Sonnensystem des Jahrhunderts bezeichnet werden.

Am Anfang dieser spektakulären Entdeckungsserie stand die Sichtung des außergewöhnlich infraroten Kleinplaneten "1992 AD". Er wurde am 9. Januar 1992 von dem Berufsastronom David L. Rabinowitz gefunden. Die Astronomen waren über das neue "Objekt" ziemlich verblüfft: es hatte einen Durchmesser von immerhin fast 200 km, wanderte in 92 Jahren auf einer sonnenfernen Umlaufbahn, die die drei Hauptplanetenbahnen von Saturn, Uranus und Neptun kreuzt. Es stellte sich die Frage, wie ein Kleinplanet auf eine so ungewöhnliche und sonnenferne Bahn gelangen kann. Doch damit noch nicht genug. Als man das reflektierte Licht von "1992 AD" genauer untersuchte, war die Überraschung noch größer: es enthielt einen sehr starken Infrarotanteil. Da kein anderer Himmelskörper im Sonnensystem mit vergleichbarem Spektrum existierte, wußte man recht bald, daß es sich um einen Vertreter einer völlig neuen und unbekannten Kleinplanetengruppe handeln mußte. Es gab nur einen einzigen Kleinplaneten im Sonnensystem, der wenigstens von den Bahneigenschaften eine gewisse Ähnlichkeit aufwies: der 1977 entdeckte und auch in der Astrologie bekannte Kleinplanet "Chiron". Man entschloß sich deshalb "1992 AD" nach einer Kentaurenfigur der griechischen Mythologie "Pholus" (griech. Pholos) zu benennen, so wie auch Chiron ein Kentaur war. Beide Kentauren sind allerdings sehr verschieden: Chiron ist relativ hell, denn er ist ein Riesenkomet. Im Gegensatz dazu ist Pholus sehr dunkel und rötlich, und er besitzt keinen Kometenschweif. Was die Herkunft dieser exotischen Kentauren betraf, tappte man noch im Dunkeln. Doch das änderte sich sehr bald: im August 1992 gelang dem Wissenschaftlerteam Jewitt und Luu die Entdeckung des ersten Kleinplaneten jenseits der Plutobahn. Der erste Transplutonier war entdeckt. Sein provisorischer Name ist "1992 QB1". Ausgerechnet dieser Transplutonier hat das gleiche rötliche Spektrum wie Pholus. Die beiden sind "Verwandte". Pholus und Chiron sind also wahrscheinlich "Einwanderer" aus dem transplutonischen Sonnensystem. Müßten dann aber nicht noch viel mehr Kleinplaneten im Bereich Plutos existieren? Tatsächlich fand man nach eifriger Suche nach und nach immer mehr transneptunische und transplutonische Kleinplaneten mit Durchmessern zwischen 150 und 400 km, und Perioden zwischen 180 und 330 Jahren! Bis heute (Stand: Februar 1998) sind es über 40 Kleinplaneten und noch vier weitere Kentauren. Diese Entdeckungen beweisen, daß das äußere Sonnensystem viel komplexer ist, als bisher angenommen, und daß jenseits von Neptun und Pluto ein gigantischer Ring von Kleinplaneten (der sog. Kuipergürtel) existieren muß. Hin und wieder kann Neptun diesem Ring ein Mitglied entreißen und es in das Innere des Sonnensystems schleudern. Dort taucht es dann evtl. als Komet oder z. B. als Kentaur, der eine exzentrische transsaturnische Bahn einnimmt, auf.

Für die Astrologen stellt sich natürlich die brennende Frage, was sie mit diesen revolutionären Entdeckungen anfangen sollen. Ist es wirklich sinnvoll alle neuen Kleinplaneten in die Deutung miteinzubeziehen? Droht dann nicht die totale Verwirrung? Die Befürchtungen sind angesichts der Tatsache, daß eine gelungene Interpretation des Geburtshoroskops mit "nur" 10 Hauptplaneten schon anspruchsvoll genug ist, sicher berechtigt. Doch was bedeuten diese Entdeckungen? Wird das astrologische Weltbild nicht eine ähnliche Erweiterung erfahren (müssen), wie bei der Entdeckung der Planeten Uranus, Neptun und Pluto (und Chiron!) ? Entdeckungen sind immer auch Bewußtseins- und Evolutionsschritte der Menschheit. Die Entdeckung von Uranus im Jahre 1781 ist z. B. ein Beweis dafür: fällt sie doch ungefähr mit der Zeit der französischen Revolution zusammen. Darin spiegelt sich symbolisch das Uranusprinzip: Grenzsprengung, Aufhebung alter Gesetzmäßigkeiten, Revolution, gleiches Recht für Alle, Freiheit für das Individuum. Ähnliche Parallelen zwischen der Zeitqualität um die Entdeckung und dem Planetenprinzip lassen sich auch bei Neptun und Pluto finden. Was hat sich an der Zeitqualität seit 1992 also so rasant geändert, daß sie uns gleich eine derartige Fülle an Entdeckungen beschert? Ist dies Ausdruck der heutigen politischen und sozialen Heterogenität, von Pluralismus und Zersplitterung?

Fragen über Fragen, auf die es so kurz nach den Entdeckungen natürlich noch keine endgültigen Antworten geben kann. Sicher ist, daß so kurz vor der Jahrtausendwende ein neues Pionierzeitalter begonnen hat, bei dem es wohl mehr auf die "kleinen" und "unscheinbaren" Dinge ankommt, als auf die "großen". Und es ist auch wahrscheinlich, daß der Differenzierungsgrad in der astrologischen Deutung immer größer werden wird. Welche Energieprinzipien hinter den neuen Planeten stecken, liegt im Moment noch halb im Dunkeln. Interessanterweise hat man außer für Pholus, für alle anderen noch keine Namen gefunden! Trotzdem ist astrologische Forschung teilweise schon möglich und nötig: gerade der erste der neuen Transplutonier "1992 QB1" scheint bedeutsam zu sein. Oder ist es ein "Zufall", daß der erste Vertreter einer neuen Klasse ausgerechnet am Beginn des Tierkreiszeichens Widder, dem astrologischen Pionierpunkt, gefunden wurde?

Aus meiner Sicht ist es besonders Pholus, der eingehend astrologisch erforscht werden sollte. Er ist ja gewissermaßen der Vorankündiger dieser neuen Epoche, und hat bis jetzt als einziger einen aussagekräftigen Namen.

Aus diesem Grund haben mein Kollege Dieter Koch und ich uns auf die Erforschung dieses neuen Kentauren konzentriert und dabei sehr interessante und prägnante astrologische Eigenschaften herausgefunden. Pholus vermittelt zwischen den gegensätzlichen Prinzipien Saturns und Neptuns. Er bringt uns aus alten und eingefahrenen Geleisen (Saturn) heraus und öffnet uns für völlig neue Erfahrungsdimensionen (Neptun). Bei problematischen Auslösungen kann er allerdings auch unseren sinnvollen Selbstschutz (Saturn) auflösen (Neptun). So gesehen ist er ein "Wandler" unserer Lebensstruktur. Es bestehen übrigens zwischen seinem astrologischen Prinzip und seinen astronomischen und mythologischen Eigenschaften interessante Parallelen. So erleben wir bei Pholusübergängen über Geburtsplaneten oder -häusergrenzen oft symbolisch ähnlich radikale Wandlungen, wie er es als mythologischer Kentaur erlebte (siehe unser Buch: "Pholus - Wandler zwischen Saturn und Neptun", Chiron Verlag Mössingen, Dez. 1995).

Das Thema der Wandlung verbindet Pholus aber auch mit Chiron und den transsaturnischen Hauptplaneten. Jeder Planet verkörpert eine andere Facette und Zielrichtung von "Wandlung" und "Transformation". Wird man ähnliche Eigenschaften auch bei den transneptunischen und transplutonischen Kleinplaneten feststellen? Oder verkörpern sie etwas völlig neues, der "Wandlung" übergeordnetes? Am Anfang einer neuen Epoche gibt es immer viele neue Fragen. Lassen wir uns von ihnen zur Erforschung dieser zahlreichen neuen Planeten ermuntern!